Aachens Bischof Helmut Dieser zu Zölibat und Sexualmoral

Helmut Dieser im Interview : Wie bedrohlich ist die Lage, Herr Bischof?

Die katholische Kirche in Deutschland steht nach Überzeugung des Aachener Bischofs Helmut Dieser an einer entscheidenden Wegmarke.

Sie müsse aus dem erschütternden Missbrauchsskandal nicht nur Konsequenzen im Sinne der Opfer und der Prävention ziehen, sondern auch theologisch und lehramtlich. „Wir Bischöfe spüren den Ernst der Stunde, wir sehen die Zäsur, wir werden handeln“, sagt Dieser im Interview mit unserer Zeitung.

Die Kirche werde sich hierzulande in einem synodalen Prozess den Themen Machtmissbrauch, Zölibat und Sexualmoral stellen – „auch mit der möglichen Konsequenz, dass wir mit unseren Ergebnissen in der Weltkirche zunächst einmal alleine dastehen. Dann müssen wir darum ringen – auch mit dem Heiligen Vater. Das wird spannend.“

Dieser bevorzugt den Zölibat als charismatische und beste priesterliche Lebensform, sagt aber auch: „Wenn wir irgendwann keine Priester mehr hätten, die dieses Charisma leben wollen, müssen wir nach geeigneten verheirateten Männern Ausschau halten.“ Der Aachener Bischof stellt zudem infrage, dass seine Kirche die Ablehnung sogenannter künstlicher Empfängnisverhütung aufrecht erhalten kann; sie müsse „das differenzierter als bisher wahrnehmen. Ich hoffe sehr, dass wir da weiterkommen.“

Er hinterfrage zudem die nach wie vor gültige katholische Position, dass jemand, „der nicht heterosexuell, sondern homosexuell empfindet, in schwere Sünde fällt“ und „homosexuelle Handlungen in sich nicht in Ordnung“ sind, wie es im geltenden Katechismus steht; da müsse die katholische Lehre weiterentwickelt werden. Dieser signalisiert, dass dann auch die Segnung homosexueller Paare nicht länger ausgeschlossen sei.

Kritik an seinem Führungsstil weist Dieser zurück: „Ich treffe keine einsamen und unreflektierten Entscheidungen.“ Er stelle sich ständig der Diskussion. „Ein Bischof, der eine Meinung hat, schließt die nicht aus, die anderer Meinung sind.“

Bischof Helmut Dieser (Mitte) und Bistums-Pressesprecher Stefan Wieland (hi. li.) im Gespräch mit unserem Chefredakteur Thomas Thelen (hi. re.) und den Redakteuren Peter Pappert (vo. li.) und Claudia Schweda (vo. re.). Foto: ZVA/Harald Krömer

Im laufenden Dialog- und Veränderungsprozess des Aachener Bistums gehe es den Gläubigen vor allem um lebensnahe Gottesdienste und den „dringenden Wunsch, in der Kirche freier agieren zu dürfen und nicht auf Gedeih und Verderb vom Ja oder Nein des Pfarrers abzuhängen“. Es gebe große Sorge, wie nah die Kirche vor Ort oder im Dorf bleibe. „Und diese Frage ist am meisten mit Angst besetzt.“

Mehr von Aachener Nachrichten