Aachen: Aachener will seinen „ökologischen Fußabdruck“ verkleinern

Aachen : Aachener will seinen „ökologischen Fußabdruck“ verkleinern

Wer Zuversicht mit Ehrgeiz verbinden kann, hat gute Voraussetzungen, um hochgesteckte Ziele zu erreichen. Dirk Gratzel ist in einem Maße optimistisch, das nur staunen lässt. Der Aachener Unternehmer verwirklicht derzeit ein Projekt, das sein gesamtes Privat- und Berufsleben umkrempelt. Was er erreichen will, lässt sich einfach auf den Punkt bringen, aber nur sehr schwierig verwirklichen

„Die Grundidee ist simpel; ich möchte, wenn ich sterbe, mit einer ausgeglichenen ökologischen Bilanz sterben. Ich will — so weit wie möglich — keine ökologischen Schulden hinterlassen. Müll, Abfall und Dreck meiner Existenz sollen nicht künftige Generationen belasten.“

gratzelmja4 20.07.2018 Dr. Dirk Gratzel. Foto: Michael Jaspers

Gratzel hat das Umweltbundesamt, den World Wildlife Fund (WWF), Nabu und Greenpeace gefragt, was er tun muss, um für den Rest seines Lebens eine ausgewogene ökologische Bilanz zu erreichen. Er stieß auf sehr viel Lob und Zustimmung, musste aber feststellen: „Es gibt dafür bislang kein Konzept.“ Ein komplettes Leben lässt sich ökologisch noch nicht bilanzieren.

Also nahm Gratzel Kontakt auf zu Wissenschaftlern um den Berliner Professor Matthias Finkbeiner vom Fachgebiet Technischer Umweltschutz an der dortigen Technischen Universität (TU). Man formulierte das gemeinsame Ziel: die ökologischen Auswirkungen eines menschlichen Lebens am „Untersuchungsobjekt Dirk Gratzel“ bestimmen und zugleich eine allgemeine Methodik entwickeln, um die Ökobilanz eines Menschen ziehen zu können. Ein anspruchsvolles Vorhaben, an dem der Aachener akribisch, aber nicht verbissen festhält.

Im ersten Schritt hat Gratzel mit den Berliner Experten seinen „ökologischen Fußabdruck“ bis zum Sommer vorigen Jahres ermittelt. Der ist ein Indikator für Nachhaltigkeit. Er zeigt an, in welchem Maße eine Privatperson, ein Unternehmen, eine Stadt, ein Land oder auch ein Produkt natürliche Ressourcen verbraucht und das Ökosystem beansprucht. Der „ökologische Fußabdruck“ der gesamten Menschheit ist derzeit so groß, dass mehr als 1,5 Erden benötigt werden. Anstatt kleiner zu werden, wird er aber immer größer. Das heißt: Die Menschen — insbesondere jene in den Industriestaaten — leben auf Kosten Anderer und künftiger Generationen.

Am Kleiderschrank

„Im zweiten Schritt ging es darum, meine Lebensführung unter ökologischen Gesichtspunkten zu optimieren, um den Schaden für den weiteren Verlauf meines Lebens so gering wie möglich zu halten“, sagt Gratzel im Gespräch mit unserer Zeitung. Drittens kümmert er sich um aktive Kompensation. „Das heißt: Ich tue etwas, um das, was ich angerichtet habe, wiedergutzumachen.“

Gratzel hat also zunächst mit Hilfe der Wissenschaftler Bilanz gezogen und über einen Zeitraum von drei Monaten „alles, was ich getan habe in verschiedenen Kategorien, lückenlos dokumentiert“. Dafür waren eine Fülle von Fragen zu beantworten — zum Beispiel: Wie viel und welche Nahrung nehme ich zu mir? Wo habe ich geduscht? Wie viel Wasser habe ich verbraucht? Wie viele Handtücher habe ich benutzt? Wie oft habe ich gewaschen? Wie viele und welche Kosmetikartikel verbrauche ich? Wie wohne ich? Auf welche Weise bin ich mobil? Wie viel Energie und Elektronik nutze ich? Was habe ich an meinen Hund verfüttert? Wie viel Müll produziere ich? Gratzel: „Ich habe den gelben Sack und die schwarze Tonne nach Wertstoffen sortiert und gewogen. Jede nur denkbare Regung meines Lebens, die einen ökologischen Effekt hat, habe ich dokumentiert.“

Parallel dazu hat er seinen gesamten materiellen Besitz ermittelt: „Ich habe im Kleiderschrank mit der ersten Schublade angefangen: ein Paar Socken. Woraus bestehen die? Wann habe ich die gekauft? Wie lange werde ich sie nutzen? Eine solche Statistik habe ich für alles erstellt, was ich besitze.“ Drei komplette Wochenenden hat das gedauert. „Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Krempel wir haben. Alle Klamotten, alle Toilettenartikel, alle Büroartikel, jeder Stift, jedes Lineal, alle elektronischen Geräte und der gesamte Kram in der Küche, Geschirr, Besteck . . .“ Bei der Frage, wie die einzelnen Artikel produziert worden sind, haben ihm die Berliner Wissenschaftler weitgehend geholfen.

Relativ einfach — wenn auch besonders wichtig — war es, sämtliche Mobilitätsdaten zu dokumentieren Und schließlich hat Gratzel, so gut es ging, versucht, all das für sein gesamtes bisheriges Leben zu rekapitulieren — „für 50 Jahre; das ist viel Arbeit“. Aber kann, wer 50 ist, überhaupt noch auf eine ausgeglichene Bilanz für sein gesamtes Leben kommen? „Diese Frage ist noch unbeantwortet — nicht nur für mich“, sagt Gratzel, „weil bisher noch niemand so konkret und unter wissenschaftlicher Begleitung diesen Versuch unternommen hat.“ Irgendwann müsse man anfangen. Besser hätte man mit 20 angefangen; so sieht er es selbst — aber besser spät als gar nicht.

Erste Bilanz gezogen

Mitte Juni dieses Jahres haben Gratzel und die Umweltschutz-Experten der Berliner TU eine erste Bilanz gezogen. Die Zahlen sind verblüffend. Der Aachener hat im Laufe eines Jahres maßgebliche Potenziale, die seinen Ressourcenverbrauch und seine Belastung für das Ökosystem betreffen, deutlich reduziert: sein Treibhauspotenzial (CO2-Belastung) um 71 Prozent, sein Acidification-Potenzial, das die Versauerung der Meere verursacht, um 61 Prozent, sein Eutrophierungspotenzial, das Gewässer im Übermaß mit Nährstoffen anreichert und zu Sauerstoffmangel führt, ebenfalls um 61 Prozent und sein Ozonabbaupotenzial sogar um 80 Prozent.

Die entscheidenden Faktoren, die zu dieser Bilanz führen, sind Mobilität, Energie und Nahrung. Was hat sich verändert? Was hat Gratzel konkret getan? Er ist deutlich weniger unterwegs. Waren es früher beruflich und privat rund 70.500 Kilometer, sind es aktuell nur noch 47100. Der Blick auf die einzelnen Verkehrsmittel ist frappierend: Vorher flog Gratzel rund 18600 Kilometer im Jahr, heute besteigt er überhaupt kein Flugzeug mehr. „Wenn ich beruflich gezwungen wäre, unvermeidlich in die USA zu reisen, müsste ich das in meiner Ökobilanz an anderer Stelle kompensieren.“

40.500 Kilometer legte er früher mit herkömmlich betriebenen Autos zurück, jetzt nur noch 3400. Ein Hybridfahrzeug hat er vorher gar nicht benutzt, nachher legt er damit immerhin 7200 Kilometer zurück. Mit dem Zug fuhr er vorher 11400 Kilometer, nachher insgesamt 36400. „Es erfordert eine Umstellung, weil sich die Reisezeiten deutlich verlängern. Aber ich kann unterwegs ja arbeiten. Wenn man will, geht das.“ Ob er einen Termin in München zusagt, überlegt er sich zwei Mal. „Viel geht mit Video- oder Telefonkonferenzen.“

Wasserverbrauch reduziert

Gratzel hat seinen Wasserverbrauch um weit mehr als die Hälfte reduziert. Einzige Ausnahme: Er trinkt nach seiner Lebensumstellung pro Jahr mehr als 50 Mal so viel Wasser aus der Leitung wie vorher. Gratzel kauft kein Fleisch mehr. „Ich ernähre mich vegetarisch — fast vegan“, sagt er. Er isst doppelt so viel heimisches Gemüse, aber gar keines mehr aus anderen Herkunftsländern. Er verbraucht nur noch 5,5 Kilo Milchprodukte im Jahr statt 82 Kilo zuvor. Sein Verzehr von Äpfeln und Beeren hat sich mehr als verdreifacht, der von Bananen verachtfacht.

„Das Erstaunliche ist, dass ich keine Einbuße an Lebensqualität empfinde. Letztlich gewinnt mein Leben dadurch. Ich habe weniger, ich kaufe weniger. Ich ernähre mich deutlich gesünder.“ Auch teurer? „Vielleicht ein bisschen. Der Preisunterschied zwischen herkömmlichen und Bio-Produkten wird immer kleiner. Es ist in der Summe etwas teurer, aber ich esse auch weniger.“ Das könne sich jeder leisten. „Ich habe wie die meisten konsumiert auf Teufel komm raus und innerhalb von drei Jahren meine gesamte Garderobe komplett erneuert. Heute kaufe ich Sachen, die vielleicht etwas teurer, aber auch haltbarer und langlebiger sind; das ist letztlich sogar günstiger.“

Man könne vieles reparieren, „wir sind nur nicht mehr gewohnt, es auch zu tun. Wer bringt heute noch seine Klamotten zum Schneider und lässt sie ausbessern oder stopfen? Wir haben uns daran gewöhnt, Sachen einfach zu verbrauchen. Das ist mit Blick auf die Ressourcen ein Riesenproblem.“ Die Mentalität der Masse ist aber darauf ausgerichtet, immer wieder neu zu kaufen. „Psychologisch wäre es falsch, den Menschen zu sagen, sie müssten auf etwas verzichten: Lass das Auto stehen und fahre mit dem Rad! Wir müssen dafür sorgen, dass es schick wird, sich nachhaltig zu verhalten.

Das E-Mobil muss genauso Status vermitteln wie der Porsche.“ Zweifel, dass das gelingen kann, lässt Gratzel nicht gelten: „Wenn das nicht funktioniert, werden wir es nicht überleben. Die Kapazitäten unseres Planeten sind limitiert.“ Er ist sichbewusst, was er bislang angerichtet hat, und weiß noch nicht, wie er es reparieren soll. „Das Konzept dafür müssen die Wissenschaftler in den kommenden Jahren entwickeln.“

In der Küche

Einen Kühlschrank gibt es in Gratzels Küche, „aber einen extrem effizienten“. Ein Energieberater hat das gesamte Haus unter die Lupe genommen. Die Küchenrolle hat er abgeschafft und benutzt das Abwaschtuch. Er wäscht in einer normalen Waschmaschine mit zertifiziertem Biowaschmittel. Getränke kommen nur in Pfandflaschen ins Haus. Joghurtbecher sind ein absolutes No-Go. „Wir essen gar keinen Joghurt.“

Viele Menschen würden den Verzicht auf Joghurtbecher trotz aller guten Argumente von Gratzel als Beeinträchtigung ihres bisherigen Lebensstils empfinden. Der Nachhaltigkeitspionier bleibt trotzdem zuversichtlich. „Viele haben Angst vor Veränderung und spüren trotzdem intuitiv, dass eigentlich etwas nicht in Ordnung ist mit unserer Lebensform. Fast alle wissen oder ahnen zumindest, dass die Art, wie wir in den westlichen Gesellschaften mit dem Globus umgehen, auf Dauer nicht funktioniert.“

Die meisten Menschen hätten nur keine handhabbaren Konzepte, um Veränderungen zu vollziehen. Gratzel beklagt, dass die „ökologischen Fußabdrücke“ von 95 Prozent aller angebotenen Produkte von den Herstellern zurückgehalten werden. Würden sie veröffentlicht, würden sich die nachhaltigen Produkte durchsetzen. „Es wäre ein Gewinn. Es würde uns weder reglementieren noch einschränken. Wenn Sie heute nachhaltig und verantwortungsvoll einkaufen wollen, ist es reiner Zufall, ob Ihnen das gelingt oder nicht.“

Fürs Gewissen

Die Masse ist von Konsumversprechen, Werbung, Bequemlichkeit und Wachstumsstrategien so stark eingenommen, dass ihr andere Perspektiven fehlen. Gratzel lässt sich davon nicht demotivieren. „Ein paar gehen voraus und finden Nachahmer. Irgendwann sind wir dann so weit, dass Sie um Entschuldigung bitten müssen, wenn Sie mit einem SUV vorfahren.“

Er will eine globale Bewegung, eine Plattform, „eine Art ökologisches Facebook“. Er wünscht sich für die Schwellen- und Entwicklungsländer einen „gesünderen Wohlstand, als wir ihn vorleben“. Die Verantwortung des Westens liege darin, „intelligente Konzepte zu entwickeln, damit dort das gleiche Maß an Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit entsteht — aber unter weit weniger Verschleiß der Ressourcen. Dazu sind wir in der Lage. Wir müssen es nur wollen.“

Gratzel ist weit davon entfernt, „irgendjemanden zu missionieren. Ich habe für mein Projekt den egoistischen Antrieb, mein ökologisches Gewissen zu beruhigen.“ Es gebe genügend Zweifler, Pessimisten und Realisten. Er wolle bewusst und aus Überzeugung Optimist bleiben. Zweifel am Sinn des Projekts hat er nicht, Zweifel an der Veränderungsfähigkeit der Menschen auch nicht, Zweifel, ob das Tempo ausreicht, gelegentlich.

Er ist fasziniert von der Schöpfung. „Ich habe auch durch das Projekt ein ganz anderes Verhältnis zur Natur bekommen. Ich sehe viele phänomenale Kompetenzen, die wir nutzen können. Ich könnte niemals sagen, es ist sowieso alles verloren, es bringt eh nichts. Ich habe fünf Kinder und möchte, dass sie alle ein erfülltes und glückliches Leben führen können wie ich.“

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