Region: Aachener Manfred Leuchter musiziert mit Kindern im Nordirak

Region : Aachener Manfred Leuchter musiziert mit Kindern im Nordirak

„Wir können nicht gegen Bomben singen oder die Welt retten“, sagt Manfred Leuchter. „Aber wenn wir Kindern, die so viel Terror und Elend erleben müssen, durch gemeinsames Musizieren ein Lächeln ins Gesicht zaubern können, haben wir doch viel erreicht.“

In einem Projekt der Hilfsorganisation Terre des Hommes ist der Aachener Musiker und Produzent zusammen mit der syrischen Sopranistin Dima Orsho, die seit 2005 in den USA lebt, ins Flüchtlingslager Debaga nahe Erbil in der Region Kurdistan im Nordirak gereist. Hier leben 10.000 Flüchtlinge (vor kurzem waren es noch 40.000), darunter 3000 Kinder.

Singen, lachen, spielen, in die Hände klatschen — Dima Orsho hat Erfahrung und ein Herz für Flüchtlinge — nicht nur aus Syrien. „Alles, was wir angesichts des Leides tun können, ist doch singen“, hat sie in einem Interview gesagt. „Wenn nur einer im Publikum davon berührt ist, ist das schon ein Erfolg.“ Es ist nicht ihr erster Workshop. In Damaskus geboren, studierte sie am Arab Conservatory of Music in Damaskus und ist die erste syrische Sopranistin mit einem Master-Abschluss vom Boston Conservatory.

Leuchter hat sie bei einem seiner Syrienaufenthalte kennen und schätzen gelernt. Auch der lässige Mann mit dem imposanten Akkordeon begeistert die Kinder von Anfang an. Hemmschwellen? Hier gibt es sie nicht, die Sprache heißt: Musik. Zwei Gruppen — eine für kleinere Kinder und eine für Jugendliche — formieren sich zu organisierten Workshops. Schließlich will man zum Abschluss bei einem kleinen Konzert Eltern, Geschwistern und Betreuern etwas vorführen.

„Ich kann nur vor allen den Hut ziehen, die hier mit großer Geduld helfen“, sagt Leuchter. „Dieses Lager ist nicht nur am Ende der Welt, es ist so etwas wie Niemandsland, politisch interessiert sich keiner dafür, was aus den Menschen wird.“ Bereits im Vorfeld wurde dem Musiker bewusst, dass man in Debaga nichts „einfach so“ tun kann, dass alles genehmigt werden muss und umfangreicher Kontrolle unterliegt. So wurden die Kinder, die an den dreitägigen Workshops teilnehmen durften, streng ausgewählt.

Im Lager geboren

„Alle sind sie traumatisiert, sie haben schlimme Dinge gesehen und erlebt, die man sich nicht vorstellen will“, berichtet Leuchter. Was ihn zudem sehr berührt: „Viele von ihnen sind in diesem Lager geboren, ein normales Leben in ihrer Heimat haben sie nie erlebt.“ Andere wieder sind schon etwas älter. „Man hat sie aus irakischen Gefängnissen ins Lager abgeschoben“, weiß Leuchter.

Die Kinder kommen in ihre Workshops, geprägt von ihrer Lebenssituation, unruhig, gespannt, ein bisschen überfordert. Leuchter ein Pädagoge? „Nein“, lacht er, „aber ich weiß, was allen Kindern auf der Welt mit Sicherheit Spaß macht: trommeln, damit haben wir begonnen.“

Dima Orsho kann helfen, wenn es Übersetzungsprobleme aus dem Arabischen gibt, doch wie sie findet auch der Akkordeonist mühelos Zugang zu den Teilnehmern. „Wir haben uns zwei Kinderlieder vorsingen lassen, ein syrisches und ein kurdisches“, erzählt Leuchter. Aus dem Gesang der Kinder hat er die Melodie für sein Instrument herausgehört.

„Das ist für mich eine Kleinigkeit, das Akkordeon macht eine Menge mit“, meint er. Was erzählen die Lieder? „Eins beschreibt das Wasser, das man trinkt, das man braucht“, erinnert er sich. „Wasser ist ja in der Wüstenregion eine große Kostbarkeit. Das andere ist eher ein Liebeslied.“

Dann kamen Musikspiele an die Reihe, die spielerisch sensibilisieren, zum Hinhören locken. Womit kann man Geräusche produzieren? Da wird ein einfacher Becher zum Instrument, wenn man die Steinchen darin schüttelt. „Es kam darauf an, ganz still zu werden, etwas vorsichtig weiterzugeben, zum Beispiel ein Stück Papier, das auf der Hand liegt und nicht hinfallen sollte“, sagt Leuchter. Wurde es unruhig in der Gruppe, mischten sich die Betreuer fröhlich ein.

Alle standen auf, klatschten, riefen etwas — und gut wars. Ratlos und gerührt war Leuchter bei einem Kind außerhalb seiner Gruppe: ein taubstummer kleiner Junge, der mit seinem Dreirad lärmend herumkurvte, allein, aber irgendwie angezogen von den rätselhaften Aktionen im Lager. „Seinen Vater hat man ermordet, er blieb allein, weil ihn der neue Mann der Mutter nicht wollte“, erzählt Leuchter. „Ich frage mich, was aus ihm wird...“

Immer wieder wurde gesungen. Bei dem Flüchtlingsmädchen Siham horchte Leuchter auf — gerade erst zwölf Jahre alt und ein großes Gesangstalent. „Sie stand auf der Bühne und hatte eine unglaubliche Präsenz“, schwärmt der Musiker. „Bei ihrem Gesang stimmt einfach alles.“

Karge Wüste

Die Blicke der Kinder, ihre Schicksale („Das willst du gar nicht wissen, was die erlebt haben . . .“) und die Begegnung mit Siham im kargen heißen Wüstenlager lassen den Aachener Musiker auch nach seiner Rückkehr nicht los. In solchen Situationen will er planen, sucht nach neuen Wegen. „Ich kann dieses Talent nicht aus dem Lager herausholen“, sagt er nachdenklich. „Aber man könnte vor Ort Tonaufnahmen machen, vielleicht sogar eine CD produzieren, auf der Sihams Gesang zu hören ist.“

Im Lager ist der schöne Gesang des Mädchen bereits aufgefallen — es gibt für Siham sogar eine Ausnahme: Alle zwei Wochen kommt ein Musiklehrer, der mit ihr „an den Basics“ arbeitet, wie es Leuchter ausdrückt

Leuchter wird weitermachen, seine Musik ehrenamtlich einsetzen, um Menschen in den schlimmsten Regionen der Welt Freude zu bringen, Talente zu fördern, Kummer zu mindern. „Es war nicht meine erste Reise dieser Art“, sagt er. „Aber eines der härtesten Erlebnisse. Weil es uns so gut geht, müssen wir etwas zurückgeben.“ Die Heimkehr war für ihn, der gern durch die Welt reist, ungewohnt: „Ich hatte das Gefühl, wir lassen die Kinder allein“, sagt er. „Ich werde sicherlich wieder hinfahren!“

Mehr von Aachener Nachrichten