Aachen: Aachener Heiligtumsfahrt 1937: Protest der Pilger gegen das Nazi-Regime

Aachen : Aachener Heiligtumsfahrt 1937: Protest der Pilger gegen das Nazi-Regime

Es passierte in den Tagen rund um Palmsonntag 1937. „Ihr könnt uns das Herz aus dem Leibe reißen, aber das sage ich euch, die katholischen Herzen werdet ihr nicht vom Statthalter Jesu Christi losreißen“, verkündete der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen in jenen Tagen.

Papst Pius XI. hatte sich im März desselben Jahres mit seiner berühmten Enzyklika „Mit brennender Sorge“, in der er die NS-Ideologie als „Götzenkult“ bezeichnete, erstmals offen gegen das Regime positioniert. Der Streit zwischen den Nationalsozialisten und der Kirche eskalierte im Frühsommer 1937 vollends, kurz bevor die Aachener Heiligtumsfahrt mit nie dagewesenen Ausmaßen begann. Jene Heiligtumsfahrt, bei der vom 10. bis zum 25. Juli rund eine Million Menschen nach Aachen kamen, um sich zum katholischen Glauben zu bekennen; und viele wollten damit auch gegen die Ideologie der Nazis protestieren.

Blick vom Turm des Domes in die Straße Rennbahn: Auch hier — wie in allen Straßen der Innenstadt — drängelten sich im Juli 1937 die Menschen. Foto: Domkapitel Aachen

„Etwas Glänzendes war da in St. Adalbert. Der ganze Kaiserplatz war voller Menschen. Die standen bei den Predigten bis in die Nebenstraßen, weil sie keinen Platz mehr in der Kirche fanden“, erinnert sich ein Zeitzeuge. „Und dann hatten alle die Kerzen in den Händen und sangen.“ Es war ein Höhepunkt jener Heiligtumsfahrt. Bei den Predigten waren die Kirchen überfüllt, teilweise versuchte die Polizei, große Veranstaltungen durch Straßensperrungen zu verhindern, doch wurden sie von der Menschenmenge durchbrochen. Vereinzelte Gläubige wurden nach Auseinandersetzungen mit der Polizei bei einer Predigt in der St. Jakob-Kirche sogar verhaftet.

Noch wenige Monate zuvor hatte sich eine solche Zuspitzung keineswegs abgezeichnet. Einer Heiligtumsfahrt werde „nichts im Wege stehen“, hatte der Aachener Regierungspräsident Franz Vogelsang noch im Mai verkündet. Doch trauten ihm viele Geistliche nicht; und so war bis kurz vor Beginn alles andere als geklärt, ob die Heiligtumsfahrt angesichts der politischen Lage überhaupt würde stattfinden können.

Zahlreiche Bischöfe zweifelten an einem Erfolg der Wallfahrt oder sprachen sich gar strikt dagegen aus. „Ich glaube, dass es besser ist, in der schwierigen Lage, worin sich die Kirche gegenwärtig in Deutschland verkehrt, nicht zu kommen“, sagte Bischof Jozef Hubert Willem Lemmens aus Roermond am 4. Juni 1937, obwohl er zuvor bereits zugesagt hatte.

Selbst der damalige Kölner Kardinal Karl Joseph Schulte sprach sich gegen eine Heiligtumsfahrt im Juli 1937 aus: „Die Heiligtumsfahrt sollte auf einen günstigeren Zeitpunkt verschoben werden, da ansonsten Störmaßnahmen der Partei zu erwarten sind“, schrieb er an das Aachener Bistum. Andernfalls sei eine „öffentliche Blamage“ zu befürchten.

Doch es gab auch Befürworter — unter ihnen war der Aachener Bischof Joseph Vogt. „Die Staatspolizei hat von Anfang an betont, dass der Heiligtumsfahrt nichts im Wege stünde“, lautete seine Antwort. Schließlich überwog der Wunsch, „die Wallfahrt zu einer gewaltigen Glaubensbekundung zu gestalten, wie sie unsere Zeit so nötig hat“.

Trotz der unüberschaubaren Massen, die sich in den beiden Juliwochen an dem „stummen“, weil nicht ausufernden Protest gegen das NS-Regime beteiligten, war von der Wallfahrt in der Presse wenig zu lesen. Ganz im Gegenteil: Den Zeitungen wurde die Berichterstattung zeitweise verboten. Die Nazis beschlagnahmten 13 Druckereien, nachdem diese die NS-kritische Papstenzyklika verbotenerweise gedruckt hatten. Nazi-Zeitungen verhöhnten die Reliquienverehrung als „Sommerschlussverkauf“ und „Heilige Knochensammlung“.

„Imponierende Geschlossenheit“

Einzig die Auslandspresse blieb von der Gleichschaltung verschont. „Dass die Heiligtumsfahrt trotz des Totschweigens und Behinderungstaktik der amtlichen Stellen zu solch großartiger Kundgebung wurde, ist ein schwere Niederlage des Goebbels‘schen Propagandaapparates“, schrieb die katholische Exilzeitung „Der Deutsche Weg“ im August.

Auch sonst unternahm das NS-Regime alles, um einen Erfolg der Heiligtumsfahrt zu verhindern: Die Reichsbahn wurde angewiesen, nur minderwertige Wagen zur Verfügung zu stellen, das für erhebliche Verspätungen sorgte. Busse, die bestellt waren, kamen nicht an oder so spät, dass die Pilger ihre Anschlüsse verpassten. Teilweise hielten die Züge sogar weit vor den Bahnhöfen, damit die Pilger an den Bahnhöfen keine Verpflegung kaufen konnten.

Trotz alledem kamen zwischen 800.000 und eine Million Menschen nach Aachen, um die Heiligtümer zu sehen und gleichzeitig ein Zeichen gegen die Ideologie des NS-Staates zu setzen. „Der Deutsche Weg“ berichtete sogar von weit mehr als einer Million. „Schon in den ersten sieben Tagen hatte die Eisenbahn so viele Pilger nach Aachen gebracht wie in den 16 Tagen der Heiligtumsfahrt 1930. In einer imponierenden Geschlossenheit hat das katholische Deutschland inmitten eines kirchenfeindlichen Staates seine unerschütterliche Glaubenstreue bekundet“, schrieb die Zeitung.

Doch Glaubenstreue war das eine, der Protest gegen die Ideologie des NS-Staates das andere. Einige Pilger erwarteten politische Statements der Bischöfe. Politische Statements aber blieben weitgehend aus. „Die Prediger hatten vermutlich Angst, verhaftet zu werden, denn zuvor hatte der Polizeipräsident verkündet, dass jegliche politische Äußerungen geahndet würden. Außerdem waren bereits gegen einige Geistliche als Druckmittel Verfahren wegen Sittlichkeits- oder Devisenverbrechen eröffnet worden; auch davor hatte man Angst“, sagt Yvonne Hugot-Zgodda, die im Rahmen eines durch die Landeszentrale für politische Bildung geförderten Projekts im Förderverein „Wege gegen das Vergessen“ zur Heiligtumsfahrt forscht.

Es enttäuschte viele Prediger, die teils von weit her kamen. Die Enttäuschung gipfelte bei den Worten des Meißener Bischofs Johann Heinrich Wienken: „Dass wir uns heute in dieser Weise zu Tausenden zusammenfinden, verdanken wir dem Führer“, verkündete er in der randvollen St.-Peter-Kirche. Es waren Worte, die die Zuhörer — zuvor noch im Glauben gegen den nationalsozialistischen Staat vereint — nicht erwartet hatten.

Wienken, damals der Verhandlungsführer zwischen dem deutschen Episkopat und den Parteistellen, hatte lediglich einen versöhnlichen Abschluss der Heiligtumsfahrt beschwören wollen — ganz im Gegensatz zu den Zuhörern. So kamen Proteste auf. „Holt den Bischof von der Kanzel, er ist ja ein Nazi!“, wurde in der Menge skandiert. Es kam zu Rangeleien mit Verletzten — die Polizei schaute nur tatenlos zu.

Bei der Schlussprozession verwandelte sich Aachen schließlich zu einer singenden und betenden Stadt. „Es waren nicht nur Gläubige gekommen, sondern all jene, die ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus setzen wollten“, sagt Hugot-Zgodda. So erinnert sich auch ein Zeitzeuge, damals Mitglied der Aachener SPD: „Sehr viele Leute, denen sonst die Kirche nicht viel zu sagen hatte, haben sich dort beteiligt, denn sie sagten sich: Wo sich Gegner der Nazis treffen, sind wir mit dabei.“

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