Grenzenlose Freiheit über den Wolken: Aachener hat die Erde mit seinem Kleinflugzeug umrundet

Grenzenlose Freiheit über den Wolken : Aachener hat die Erde mit seinem Kleinflugzeug umrundet

32 Tage in der Luft, 33.000 Kilometer in drei Etappen, über vier Kontinente und 28 Länder: Der Aachener Stefan Mommertz gehört zu den wenigen Menschen, die in einem Kleinflugzeug die Erde umrundet haben.

Als sich die Männer treffen, ist die Sonne 68 Minuten zuvor untergegangen. Es ist 9,5 Grad kalt, der Wind bläst mit 14,5 Stundenkilometern aus Südwesten, ein Tiefdruckgebiet in Nordeuropa lenkt mit seiner Strömung immer wieder wolkenreiche Meeresluft über das Vereinsheim des Fliegerclubs in Würselen-Merzbrück. Die Männer kennen sich aus mit solchen Wetterdaten. Die Hobbypiloten tauschen sich regelmäßig mittwochs aus, es gibt immer etwas zu besprechen im Merzbrücker Motorflugverein.

An diesem Abend kommen sie alle neugierig zusammen, Stefan Mommertz ist wieder da. Das hat sich schon herumgesprochen in der kleinen Szene. Mitte August war der Klubkollege losgeflogen in Merzbrück, 32 Tage war er insgesamt in der Luft, legte in drei Etappen 33.000 Kilometer zurück, hat vier Kontinente und 28 Länder gesehen. Er hat die ganze Welt umflogen und ist nun ein „Earthrounder“, so heißt das in der Fachsprache.

Grenzenlose Gastfreundschaft 

Mommertz umarmt an diesem Abend seine Flugfreunde, aber ein bisschen möchte er auch die Welt umarmen. „Ich bin sehr dankbar, dass mir so viele Menschen geholfen haben bei meiner wunderschönen Reise um den blauen Planeten.“

Ihm kommt der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry in den Sinn. In seinem Roman „Wind, Sand und Sterne“ berichtet der Franzose von „Freundschaft und Kameradschaft, vom Flugzeug als eine Verbindung von Welten.“ Solche Gedanken sind dem Aachener Piloten oft gekommen bei seiner Welttournee. „Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Egal, welche Weltanschauung, welche Religion, welche Sprache. Gastfreundschaft ist universell“, sagt Mommertz am Ende der Reise. Manchmal konnte er sich unterwegs in Russland oder Japan nur mit den Händen, nur mit Mimik oder den Augen verständigen, aber es hat trotz der Sprachprobleme geklappt: „Wunderbar, dieses schweigsame Reden.“

Er hat unterwegs erfahren, wie groß die Flieger-Gemeinschaft ist. Fast an jedem Flughafen warteten Neugierige, die von seinem Abenteuer erfahren wollten. Bei Youtube kann man in ein kleines Gespräch hineinhören, das ein TV-Team mit ihm auf den Philippinen aufgenommen hat. Warum er sich aufgemacht habe, ist die Frage. „Um die Freundschaft und Kameradschaft unter den Menschen weltweit und unter den Piloten und Fliegern zu fördern“, sagt er in die Kameras. „Es geht nicht so sehr darum, mit dem Flugzeug zu fliegen, sondern eher um die Menschen, die man unterwegs trifft.“

Von einer Weltreise träumen fast alle Hobbypiloten, aber nur die wenigsten starten. Zwei komplette Jahre hat die akribische Vorbereitung gedauert. Die Route musste gefunden, Überfluggenehmigungen beantragt werden. Welche Flugplätze lassen Auftanken und Ölwechsel zu? Welche Seerouten werden zu welcher Jahreszeit befahren, falls eine Notwasserung notwendig wird? Die Überlebensausrüstung musste zusammengestellt werden: Rettungsinsel, Neoprenanzug, Signalpistolen, spezielle Handfunkgeräte und Satellitentelefon.

„Zwei Jahre lang ist jede freie Minute mit den Vorbereitungen ausgefüllt”, sagt Mommertz, als er nun von der Reise berichtet. Irgendwann in dieser Zeit hat er sich den preisgekrönten Film „All is lost“ mit Robert Redford angeguckt. Es ist die Geschichte von einem Einhandsegler, der in Seenot gerät und nun alleine einen unermüdlichen Kampf gegen Wind, Wetter und Wasser, gegen alle möglichen Rückschläge, führen muss.

Mommertz will solche Dramen vermeiden, der 54-Jährige bereitet sich genauestens vor, auch wenn der leidenschaftliche Flieger enorm viel Vertrauen in das eigene Können haben kann. Als er 13 Jahre alt ist, ist er zum ersten Mal zum Flugplatz gekommen. Der Teenager begann mit dem Segelfliegen, bald kam der Motorsegelschein dazu. Inzwischen ist er Berufspilot und Flugkapitän. Als „Verkehrsluftfahrzeugführer“ kennt er sich natürlich aus mit Meteorologie, mit Luftrecht, mit Aerodynamik, mit Physiologie und Psychologie des Piloten. Mit den großen Maschinen ist er schon mehrfach um die Welt geflogen. Wenn er im Airbus unterwegs ist, beobachtet er die Welt aus 35.000 Fuß, jetzt sind es 3000 Fuß. „Beruflich fliege ich meistens über dem Wetter, privat im Wetter.“ Das ist die Herausforderung, er nennt es Retro-Fliegen.

Permanent Entscheidungen treffen

Sechs Stunden war er im Schnitt täglich in der Luft. „Fliegen ist permanentes Denken“, sagt er. Langweilig ist es da oben nie, permanent müssen Entscheidungen getroffen werden, so ein Flug ist physisch und mental recht anstrengend. Am Boden muss dann noch der nächste Start vorbereitet, Wetterdaten abgeglichen werden. Zudem warteten die Flugfreunde in der Heimat auf einen kleinen Stimmungsbericht von seinem „Aus-Flug“.

Blick aus dem Cockpit: Diesen atemberaubenden Ausblick hatte Stefan Mommertz während seines Fluges. Foto: Stefan Mommertz

Auf der Webseite „earthrounders.com“ sind alle Piloten aufgelistet, die in Kleinflugzeugen (bis 7000 Kilogramm) die Reise um die Welt bewältigt haben. Seit Beginn der Luftfahrt vor 100 Jahren haben nur „eine Handvoll Seelen“ diese herausfordernde Reise unternommen, steht auf der Homepage. Der Flug muss bestimmte navigatorische Kriterien erfüllen, weder Pilot noch Maschine dürfen gewechselt werden, um in den kleinen Kreis der „Earth­rounder“ aufgenommen zu werden. Stefan Mommertz ist nun einer von ihnen.

John Kounis als Inspirationsquelle

Am Heck seines Fliegers hat er die Flugroute von John T. Kounis aufgeklebt, skizziert ist dessen enorm anspruchsvolle Tour über den Pazifik. Der US-Grieche war eine Art Wunderkind, er beherrschte viele Sprachen, war Verleger, Astronom, ein weltbekannter und genialer Flieger – und vor allem sehr neugierig. „Es ist, als wäre jede Sekunde auf dieser Erde ein Geschenk, und er wollte nicht eine davon verschwenden“, stand in seinem Nachruf, als er im Juni 2015 mit nur 52 Jahren ziemlich unerwartet starb.

Nasa-Ingenieur Kounis lebte etliche Jahre in Deutschland, hatte hier viele Freunde, Mommertz war einer von ihnen: „Er war eine Quelle der Inspiration.“. Kounis, so sagten die Leute über ihn, „trug sein Flugzeug wie eine Jacke“. Sein Flugzeug war eine alte Cessna 185. Gebaut wurden von 1961 bis 1985 gut 4000 dieser als gutmütig geltenden Leichtflugzeuge mit dem nicht einziehbaren Spornradfahrwerk.

Die beiden Männer verbrachten viele gemeinsame Stunden im Cockpit, im Laufe der Jahre trug auch Mommertz das Leichtflugzeug wie eine Jacke. Als er nun auf große Weltreise ging, trug er den Helm seines Freundes und hatte ein Foto im Cockpit. Und bei manchem Manöver redete er auch gedanklich mit seinem Freund. Der Aachener hatte den Eindruck, dass er die halbe Weltreise, die Kounis hinter sich hatte, vollenden musste. Es war wie ein Vermächtnis. „Ich möchte die Erinnerung an ihn wach halten.“

Nun steht er nach seiner Rückkehr in einem kleinen Hangar in Merzbrück. Er könnte jetzt seine eigene Route auf die andere Seite des Hecks aufkleben, haben Freunde am Ende der Reise vorgeschlagen. Mommertz findet, das passe nicht. „Ich brauche kein Treppchen.“

Für seine letzte Etappe holte sich Stefan Mommertz seine Mutter Dodo mit ins Flugzeug. Sie stieg in Luzern für die letzten Kilometer ein. Foto: Stefan Mommertz

Die letzten Kilometer seiner Rundreise musste der Pilot nicht mehr alleine zurücklegen. Er hatte seine Mutter Dodo nach Luzern, seinem letzten Tankstop, einfliegen lassen. Mutter und Sohn kehren heim nach Merzbrück. Bei der Landung am  Regionalflughafen ist Klaus Dickhörner, der Klubvorsitzende, am Funkgerät. Er findet, Mommertz sei „ein extrem bodenständiger Typ. Trotz seiner Karriere ist er nie abgehoben.“ Ein Weltenflieger, der nicht abgehoben ist – klingt nach einem großen Kompliment.

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