Aachen: Aachener handeln Drogen im Darknet: Der Rausch kam aus dem „German Shop“

Aachen : Aachener handeln Drogen im Darknet: Der Rausch kam aus dem „German Shop“

Es ist ruhig an diesem 31. Mai 2017 in der Eckenerstraße im Aachener Stadtteil Brand. In dem beschaulichen Wohnviertel bekommt niemand mit, was sich an einer Ecke der Straße abspielt. Warum auch. Es ist nicht weiter ungewöhnlich, dass sich auf dem dortigen Gelände des Technischen Hilfswerks Aachen Einsatzfahrzeuge sammeln — und mag es zwecks Übung sein. Genau dieses THW-Gelände in ebenjener Eckenerstraße ist an diesem Tag jedoch der Sammelpunkt für Polizisten aus ganz NRW.

Teile von Hundertschaften aus mehreren Städten, schwer bewaffnete Spezialkräfte, aber auch Feuerwehr und Rettungswagen rollen nach und nach auf das Areal. Um eine Übung handelt es sich diesmal nicht. Die Einsatzkräfte haben ein Ziel: Ein Haus wenige hundert Meter entfernt, gleich neben einer Tankstelle. Dort, wo die Eckenerstraße in die vielbefahrene Trierer Straße mündet. Besser gesagt: Das Ziel des massiven Aufgebots sind Personen, die sich in dem Haus aufhalten sollen. Und von denen glauben die Ermittler, dass es sich strafrechtlich gesehen um „dicke Fische“ handelt.

Abgeführt: Bei der Großrazzia in Aachen Ende Mai 2017 wurden mehrere Männer festgenommen. Sie sollen schwunghaft Handel mit Drogen im „Darknet“ getrieben haben. Foto: Ralf Roeger

Die Ruhe an jener Straße endet an diesem Tag dann auch abrupt. Urplötzlich geht es los, Einsatzkräfte besetzen Dächer, Straßen werden abgeriegelt. Andere vermummte Beamte entern das Haus, es knallt, laute Rufe sind zu hören. Wie im Film. Wenig später werden mehrere Personen in Kabelbinder-Handschellen aus dem Haus geführt, nachdem sie zunächst vom Arzt behandelt worden sind. Eine Blendgranate war in die Wohnung geflogen. Kurz danach ist der Spuk auch schon vorbei. In der Eckenerstraße kehrt wieder Ruhe ein.

Umfangreiche Ermittlungen

Die Polizei hat an diesem Tag nicht nur Türen gesprengt, sondern auch einen Drogenring. Davon geht sie anhand langwieriger Ermittlungen im Vorfeld jedenfalls aus. Die festgenommenen Männer sollen im großen Stil Drogen übers Internet — speziell den anonymen und abgeschirmten Teil namens „Darknet“ — vertrieben haben. Nachdem bereits Europol und Bundeskriminalamt eingeschaltet waren, endet die Sache schließlich in jenem Aachener Stadtteil.

Zeitsprung: Am 6. Februar wird der Prozess gegen insgesamt fünf Angeklagte vor dem Aachener Landgericht beginnen — mit etlichen Verhandlungstagen. Vor Gericht stehen dann die beiden Brüder Timm und Karl M. (34 und 30 Jahre alt), Sebastian L. (24), Steffen P. (28) und Dominik H. (24). Vorgeworfen wird ihnen „gemeinschaftliches bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln“. Erschwerend kommt das Wort „bewaffnet“ hinzu. Die Polizisten hatten bei der Großrazzia nämlich unter anderem einen Teleskopschlagstock sichergestellt.

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft bezieht sich auf einen Zeitraum vom 20. September 2015 bis zum 31. Mai 2017. Den Ermittlungen zufolge haben zunächst die beiden Brüder M. besagten Internet-Drogenhandel aufgezogen. Das bereits seit 2013. Im September 2015 flogen sie sogar schon einmal mit einer „Küche“ auf, in der synthetische Drogen „gekocht“ wurden. So etwas kennt der Fernsehserienfreund aus „Breaking Bad“. Doch davon ließen sich die Männer den Ermittlungen zufolge nicht abhalten.

Es soll weiter fleißig gehandelt worden sein in jenem „Darknet“. Und zwar über eine Homepage, die sie „German Shop“ getauft hatten. Das hat eine spezielle Bedeutung. Doch dazu später mehr. Vertrieben wurden laut Staatsanwaltschaft vor allem Amphetamine, aber auch Marihuana, Ecstasy und Crystal Meth. Geliefert wurde die „Ware“ dann schlicht per Post.

Sukzessive sollen dann die anderen Angeklagten eingestiegen sein: Sebastian L. im Frühjahr 2016 und letztlich Steffen P. und Dominik H. ein Jahr später. Verkauft worden sein sollen über den „German Shop“ mindestens 20 Kilo Amphetamine sowie einige Kilo Marihuana und Ecstasy. Bei der Razzia fanden die Einsatzkräfte ebenfalls noch erhebliche Mengen an Drogen, die auf Abnehmer warteten.

Wer im „German Shop“ einkaufen wollte, musste in der Internetwährung Bitcoins zahlen. Insgesamt sollen die Angeklagten 750 Bitcoins eingenommen haben. Das waren damals so um die 300.000 Euro. Bei einer Verurteilung dürften die in der Anonymität handelnden Angeklagten einige Jahre hinter ganz reale schwedische Gardinen wandern. Dann müssten sie sich auch vorerst von ihren „Kameraden“ aus der Neonazi-Szene verabschieden.

Was geschah mit dem Geld?

Und das ist dann — Stichwort „German Shop“ — die ganz andere Dimension dieser Geschichte, die in der Anklageschrift keine Rolle spielt, die unsere Zeitung aber schon kurz nach den Festnahmen aufdeckte. Die mutmaßlichen Täter sind nämlich dem ultrarechten Spektrum zuzuordnen oder hatten enge Bezüge zu diesem. Allen voran Timm M., dessen Vater Christian, sein Mitangeklagter Bruder Karl und auch der jüngste Bruder Robert waren oder sind ebenfalls in unterschiedlichen Konstellationen rechtsaußen aktiv. Timm M. gehörte zum Beispiel einst der nun verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) an. Vater Christian agierte als Anmelder bei Neonazi-Aufmärschen. Die Brüder Karl und Robert waren zuletzt bei der „Identitären Bewegung“ aktiv. Timm wirkte auch als Produzent und Gastsänger für den bekanntesten neonazistischen HipHopper Deutschlands.

Diese Querverbindungen werfen Fragen auf, die der Prozess kaum beantworten dürfte. Zum Beispiel jene, ob aus den Einnahmen des Drogenhandels rechte Umtriebe finanziert wurden und wer dann davon gewusst haben könnte. Drogenkonsum gilt in dieser Szene offiziell als verpönt, zuweilen wird gar die „Todesstrafe für Drogendealer“ gefordert. In den sozialen Medien war es denn auch zu heftigen Diskussionen unter Rechtsextremisten gekommen. Manche wetterten kurz nach der Razzia gegen den „Abschaum“ in den eigenen Reihen, der „Volksgenossen vergiftet“. Andere beschwichtigen, dass auch die Soldaten der Wehrmacht im Kampf gegen den Feind „Panzerschokolade“ nutzten, also Pervitin konsumierten, quasi der Vorläufer des heutigen Amphetamins.

Ebenso für Unruhe sorgten Befürchtungen, den Behörden könnten Informationen über neue Organisationsstrukturen der Neonazis im Großraum Aachen, Düren und Heinsberg vorliegen. 2012 war die KAL verboten worden. Anfang 2013 gründeten alte KAL-Kader einen eigenen Kreisverband der Neonazi-Minipartei „Die Rechte“ (DR) und bauten trotz des Verbots unter diesem Schutzschild wieder Strukturen auf. Mitte 2014 gründete man dann unter dem Dach der Partei eine Gruppe namens „Syndikat 52“ (S52), sozusagen die indirekte KAL-Nachfolge. Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach wies im November 2017 darauf hin, die DR sei in der Region „kaum handlungsfähig“, S52 sei jedoch „begrenzt handlungsfähig“. Was der Polizeipräsident andeutete, meint nach Recherchen dieser Zeitung: ehemalige Vertreter der verbotenen KAL umgehen mittels S52 das Verbot und sichern die Gruppe durch das Parteienprivileg der „Die Rechte“ ab.

Timm M. war DR-Mitglied und mit L. und H. bei beziehungsweise im Umfeld von S52 aktiv. Offenbar war nach der Razzia selbst die DR-Bundespartei alarmiert und machte völlig überraschend kurz nach dem SEK-Einsatz bekannt, dass der DR-Verband in Heinsberg „reaktiviert“ worden sei. Am 1. September wurde dieser zum Kreisverband „Heinsberg-Aachen“ umstrukturiert. S52 war dadurch auch im formaljuristischen Sinne wieder als Untergruppe von „Die Rechte“ abgesichert, während deren regionalen Verbände zwischen 2015 und Mitte 2017 nahezu inaktiv gewesen waren.

Heute sechs Millionen Euro wert

Nach Informationen dieser Zeitung sind Verquickungen mit der rechtsextremen Szene nicht Teil der Anklageschrift. Der Verbleib des Geldes ist offenbar ebenso unklar. Wer auch immer es hat, er wäre jetzt mehrfacher Millionär. Denn nach heutigem Stand sind 750 Bitcoins angesichts des raketenhaften Aufschwungs der Internetwährung nicht mehr 300 000 Euro, sondern über sechs Millionen Euro wert.

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