Aachener Friedenspreis: Ruslan Kotsaba im Zwielicht

Aachener Friedenspreis : Ruslan Kotsaba wird von seiner Vergangenheit eingeholt

Die Entscheidung des Vereins Aachener Friedenspreis, dem ukrainischen Journalisten und Regierungskritiker Ruslan Kotsaba seine diesjährige Auszeichnung zu verleihen, ist in Sozialen Medien und bei Politikern auf Kritik gestoßen. Der Vorwurf des Antisemitismus steht im Raum und zwingt den Verein dazu, über seinen Preisträger nachzudenken.

Es geht um ein Video aus dem Jahr 2011, das Kotsaba damals selbst hochgeladen hatte. Die übersetzte Vollversion liegt der Redaktion vor. Der Journalist steht in der Aufzeichnung vor einem jüdischen Friedhof in der Ukraine, um den Juden Respekt zu zollen, die „unschuldig von den Deutschen getötet wurden“, wie er sagt. Weiter merkt er an, man könne von den Juden lernen, wie man seinen Staat verteidigt.

„Die Juden können sich wahrscheinlich in Trauer an die Phase erinnern, wie sie hier wie Schafe gelaufen sind und Tausende erschossen wurden, während sie von zwei Soldaten mit Maschinengewehr bewacht wurden.“ Obwohl die Juden, so sagt er, den Konvoi mit ihrer Körpermasse hätten stoppen können, taten sie es nicht. Dann zieht er die Parallele zur Situation des ukrainischen Volkes im Jahr 2011. „Aber wahrscheinlich haben sie gespürt, dass sie die Strafe dafür austragen, den Nazismus, den Kommunismus (. . .) mit erzeugt zu haben.“

Die beiden Linken-Politiker Darius Dunker und Andrej Hunko hatten Kotsaba für den Aachener Friedenspreis vorgeschlagen. Das Video oder antisemitische Äußerungen seien beiden nicht bekannt gewesen, sagte Hunko. „Die Aussage ist aus unserer Sicht völlig inakzeptabel.“ Und: „Juden auch nur die geringste Mitschuld am Holocaust zu geben, ist ein leider, besonders auch in der Ukraine, weitverbreitetes Bild, das antisemitische Argumentationen bedient. Das ändert nichts daran, dass es grundfalsch ist.“

Weiterhin sagte Hunko, Kotsaba habe bis etwa zum Jahr 2014 „auch für uns fragwürdige politische Positionen“ vertreten. „2014 hat er sich jedoch in seiner Einstellung tief gewandelt.“ Das war die Zeit, in dem der bewaffnete Konflikt im Land ausgebrochen war und Kotsaba anfing, vor Ort zu berichten. Der Journalist sei von „einem moderat nationalistisch eingestellten Ukrainer zu einem entschlossenen Kriegsgegner und Pazifisten“ geworden, sagt Hunko. Die Motivation, Kotsaba für den Friedenspreis vorzuschlagen, seien eben dieser Wandel und sein öffentliches Eintreten gegen den Krieg gewesen.

Ruslan Kotsaba nahm am Donnerstag ebenfalls Stellung, bestätigte, dass das Video authentisch ist, und distanzierte sich zugleich von seinen Aussagen. Sie seien zwar in dem gut einminütigen Ausschnitt, der noch auf Youtube zu finden ist, aus dem Kontext gerissen. „Auch wenn sie eine für die Westukraine typische Sicht darstellt, ist sie falsch. Dies möchte ich hiermit noch einmal bekräftigen“, teilte Kotsaba am Donnerstag schriftlich mit. Und: „Ich habe durch meine Politisierung im Kontext des Krieges in der Ostukraine viele meiner Einstellungen überdacht und geändert. Dazu gehört auch die Aussage von 2011, die in nicht akzeptabler Weise den Juden Verantwortung für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und des Kommunismus in Osteuropa gibt. Ich bedaure es heute, diese Aussage gemacht zu haben, und bitte diejenigen, die sich durch sie verletzt gefühlt haben, um Verzeihung.“

Kritik gab es nicht nur am Video und der geplanten Auszeichnung Kotsabas, sondern auch daran, wie der Verein Aachener Friedenspreis im Sozialen Netzwerk Facebook auf Nutzerkommentare reagiert hat. Als erste Reaktion wurde das Video Kotsabas als „mutmaßliche Fälschung“ bezeichnet, mehrere Nutzer klagten, ihre Kommentare seien gelöscht worden. „Das war ein schlechtes Krisenmanagement“, räumte Hunko ein. „Man hätte schreiben müssen, dass wir den Fall prüfen.“ Nach Kotsabas Stellungsnahme halte er ihn nach wie vor für preiswürdig.

Auch Grünen-Politiker Volker Beck forderte dazu auf, die Vorwürfe genau zu prüfen. Sollten sie stimmen, könne „so jemand keinen Preis erhalten“. Ob er die Auszeichnung nun tatsächlich bekommt, war am Donnerstagabend nicht klar. Lea Heuser, Pressesprecherin des Vereins Aachener Friedenspreis, sagte auf Anfrage, man wolle am Donnerstagabend zu einer außerplanmäßigen Vorstandssitzung zusammenkommen, um abzuklären, wie der Verein nun weiter vorgeht.

Vor acht Jahren wurde der Verein von einer heftigen Kontroverse über Antisemitismus erschüttert, weil es Teilen des damaligen Vorstands nicht gelang, sich eindeutig von antisemitischen Karikaturen und Texten zu distanzieren. Aachens Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) und ein weiteres Vorstandsmitglied verließen infolgedessen den Verein.

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