Start bis 2024: Aachener Flug-Taxi soll den Verkehr revolutionieren

Start bis 2024 : Aachener Flug-Taxi soll den Verkehr revolutionieren

„Silent Air Taxi“ in Merzbrück vorgestellt

Wer innerhalb Deutschlands reist, tut dies meist per Auto, Zug oder Linienflug. Wenn es nach Aachener Forschern geht, kommen bis 2022 auch die ersten Menschen per Flug-Taxi an ihr Ziel. Keine Sciene-Fiction sondern das "Silent Air Taxi" sollen diese Vision zur Realität werden lassen.

Der Rettungshubschrauber des ADAC schwebt mit viel Lärm ein, als Armin Laschet am Dienstagnachmittag gerade seine Ansprache hält. Der NRW-Ministerpräsident muss seine Rede zur Vorstellung des Aachener Projektes Silent Air Taxi (SAT) auf dem Flugplatz Merzbrück unterbrechen. Das passte. Denn der neue Flieger im innovativen Boxwing-Design, mit dem in einigen Jahren ein Lufttaxidienst angeboten werden soll, soll vor allem eins sein: Leise!

Dienstreise von Aachen nach Magdeburg: Auto? Bahn? Oder doch ein Linienflug mit der nötigen Verbindung zu einem der großen Flughäfen und langen Eincheckzeiten? Nein! Mal eben über das Internet oder per App buchen, am nächsten Morgen ein paar Minuten Fahrt zum nahegelegen Flugplatz Merzbrück, rein in den Flieger und zweieinhalb Stunden später Landung in Magdeburg. Das soll das SAT bieten. Flächendeckend in Deutschland.

Der Zeitplan ist sportlich: 2022 soll der selbst entwickelte Flieger zum Erstflug starten, 2024 die Musterzulassung erfolgen und der Taxi-Service seinen Dienst aufnehmen.

Ideen für „Urban Air Taxis“ mit senkrecht startenden, meist drohnenähnlichen Fluggeräten, die innerstädtische Stationen miteinander verbinden sollen, sprießen gerade wie die Frühlingsblumen aus dem Boden. Das SAT-Konzept unterscheidet sich davon – weil es eben nicht „urban“ ist. Die Aachener sind sicher, eine andere Lücke im Luftverkehr entdeckt zu haben. Städte sollen verbunden werden, unterhalb der Schwelle des regulären Linienverkehrs. Geflogen werden soll von regionalen Flug- und Verkehrslandeplätzen, eben wie Merzbrück, die eine Startbahn von 400 Meter Länge aufweisen müssen.

Der Vorentwurf des Flugzeugs ist nach Angaben von Prof. Eike Stumpf, Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtsysteme der RWTH, abgeschlossen und sieht einen Viersitzer in Boxwing-Konfiguration mit einer Spannweite von zehn Metern, einem maximalen Startgewicht von etwa 1600 Kilogramm und einer Reisegeschwindigkeit von gut 300 km/h vor. Der Flieger hat keine Druckkabine, als Flughöhe sind etwa 3000 Meter vorgesehen. Die Nutzlast für die vier Passagiere liegt bei 450 Kilogramm. Vollbeladen soll das Flugzeug etwa 500 Kilometer weit kommen, mit zwei Passagieren sind 1000 Kilometer anvisiert.

Das ist das Ding: (v.l.) Prof. Kai-Uwe Schröder (Institut für Strukturmechanik und Leichtbau, RWTH), Prof. Eike Stumpf (Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme, RWTH), Prof. Frank Janser, (Strömungsmechanik und Aerodynamik an der FH Aachen), Sarah-Liane Diederen, Prof. Peter Jeschke (Institut für Strahlantriebe und Turbomaschinen, RWTH), Dr. Hendrik Schulte (Verkehrsministerium NRW), Prof. Günther Schuh (Direktor Werkzeugmaschinenlabor, Produktionssystematik, RWTH), und Hendrik Wüst (NRW-Verkehrsminister) enthüllen das SAT-Modell. Foto: Wolfgang Birkenstock

Gestern in Merzbrück wurde ein schnittiges Modell im Maßstab 1:5 enthüllt. Es fehlt allerdings noch das Fahrwerk, das voraussichtlich starr, also nicht einfahrbar sein wird. „Das ist eine völlig neuartige Konfiguration mit Boxwing“, sagt Prof. Kai-Uwe Schröder, Technischer Direktor Strukturentwurf bei e.SAT und Leiter des Instituts für Strukturmechanik und Leichtbau (SLA). „Wir müssen Flugzeug völlig neu denken.“ Im Gegensatz zu den diversen „Urban Air Taxis“ mit ihren reinen Elektroantrieben ist beim SAT ein Hybridantrieb vorgesehen, um die zwei ummantelten Propeller in Gondeln am hinteren Rumpf in Bewegung zu versetzen.

Ein Kolbenmotor ist für die Grundlast zuständig und soll möglichst sparsam überwiegend im Auslegungspunkt laufen. Wird mehr Leistung benötigt, hilft der Elektromotor. Beide zusammen sollen eine Startleistung von etwa 250 Kilowatt erzeugen und die kurze Startstrecke sowie eine hohe Steigrate ermöglichen, um den Lärm am Boden gering zu halten.

„Kleine Flugzeuge können mit einer Gasturbine nicht effizient betrieben werden. Es muss ein Kolbenmotor sein“, erklärt Prof. Peter Jeschke, Leiter des Institut Strahlenantriebe und Turbomaschinen (IST) sowie Co-CEO und Technischer Direktor Powertrain bei e.SAT. Und mit einem alleinigen Elektroantrieb seien die angestrebten Flugleistungen nicht zu erreichen, stellt er klar.

Perspektivisch seien auch andere Antriebskonzepte und Energiequellen wie Brennstoffzellen denkbar. „Diese Option halten wir uns ganz klar offen“, so Jeschke. „Auch andere Arten der CO2-Neutralität.“ Nicht nur beim Antrieb setzten die Aachener auf Flexibilität. Die modulare Auslegung soll eine Cargo-Variante ebenso ermöglichen wie eine spätere Vollautomatisierung ohne den Piloten.

Der Name Silent Air Taxi deutet es an: Der Lärmaspekt ist neben der Effizienz, der Sicherheit, dem Komfort und den möglichst geringen Kosten einer der wichtigsten Entwurfskriterien. „Der typische Flugplatz wird als laut empfunden“, so Frank Janser, selbst Pilot, Professor für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der FH Aachen sowie Co-CEO und Technischer Direktor Aerodynamik bei e.SAT. Akzeptanz für den erhöhten Verkehr durch einen Lufttaxi-Betrieb könne bei den Anwohnern nur erreicht werden, wenn das Fluggerät entsprechend leise sei. Das Flugzeug dürfe am Boden von Alltagsgeräuschen nicht unterscheidbar sein, sagt sein Kollege Jeschke. Und ist überzeugt: „Das erreichen wir auch.“

Auch der Name e.SAT ist nicht ganz zufällig gewählt. Damit soll an das Aachener Erfolgsprojekt e.Go angeknüpft werden. Günther Schuh, der Kopf hinter dem e.Go, Professor für Produktionssystematik und Direktor des Werzeugmaschinenlabors (WZL) der RWTH Aachen, ist als CFO und Technischer Direktor Produktion & Qualität auch beim e.SAT mit an Bord. Zu seinen Zuständigkeiten gehört die spätere möglichst effiziente Produktion. Ein Gesichtspunkt, der während der gesamten Entwurfsphase berücksichtigt werde, erläutert Frank Janser. „Wir werden das so ähnlich machen wie beim e.Go“, so Schuh. „Wir werden eine Stückzahl in Würselen bauen, die in der Luftfahrt unüblich ist.“ Mehrere hundert Flugzeuge pro Jahr sollen es ab 2023/2024 schon zu Beginn sein. Als Ziel ist eine Jahresproduktion von 1000 anvisiert. Mit dem Umbau des Flugplatzes Merzbrück, der noch in diesem Jahr beginnen soll, werden Flächen für die Produktionsstätten geschaffen.

Während allerdings das kleine Stadtauto e.Go Life an Privatkunden verkauft wird, ist das geplante Flugzeug für die Taxifliegerei optimiert. Es wird also ein Betreiber benötigt, der bei e.SAT die Flugzeuge kauft und damit den Taxibetrieb durchführen soll. Einen solchen Betreiber gibt es bisher noch nicht, erste Gespräche würden aber geführt, so Janser, der den angepeilten Preis für ein Flugzeug mit 300.000 bis 400.000 Dollar beziffert.

Die Reisekosten für den Passagier sollen bei 50 bis 60 Cent pro Kilometer liegen, ein Preis, der nach einer Marktanalyse für die meisten potentiellen Nutzer akzeptabel sei. „Der Preis eines Bahntickets der ersten Klasse“, sagt Frank Janser. Zum Vergleich: Beim Auto wird mit einem Preis von 30 Cent pro Kilometer gerechnet. Zu den Kunden sollen vorrangig, aber nicht nur Firmen zählen.

„Echten Pioniergeist“, nennt Armin Laschet das SAT, nachdem der Rettungshubschrauber ihn dann doch wieder hat zu Wort kommen lassen. „Das ist kein regionales Projekt, das ist ein Projekt für NRW und die ganze Republik.“

Hinweis: In der ursprünglichen Version unseres Artikels fehlte der Name von Frau Diederen in der Bildunterschrift. Wir bitten, dies zu entschuldigen.