Aachen: „Aachen 2025“: Wohlfühlen steht am Arbeitsplatz im Fokus

Aachen : „Aachen 2025“: Wohlfühlen steht am Arbeitsplatz im Fokus

Aktenschrank, Computer, Zimmerpflanze — mit dieser klassischen Bürogestaltung sind moderne Arbeitsräume nur noch schwer vergleichbar. Wie innovatives Arbeiten aussehen kann, machen große Firmen wie Google und die Commerzbank vor. Ihre Großraumbüros ähneln einem Spielparadies mit Tischkicker und Kuschelecke.

Diese Wohlfühl-Atmosphäre soll das Betriebsklima verbessern und zu außergewöhnlichen Ideen animieren. Doch funktionieren solche Modelle wirklich?

Nicht jeder braucht einen Platz

Jens Kuchenbecker, Geschäftsbereichsleiter Planen und Bauen des Forschungszentrums in Jülich, beschäftigt sich seit Längerem mit modernen Arbeitsräumen, im Speziellen mit Büro- und Laborgestaltung. „Man sitzt heute nicht mehr 100 Prozent am Schreibtisch“, sagt er. Das Arbeiten unterliege einem ständigen Wandel abhängig von der gesellschaftlichen Situation.

Viele Menschen arbeiten schon jetzt von zu Hause aus, sind in Teilzeit beschäftigt oder erledigen ihre Arbeit mobil auf Dienstreisen. Daher sei es nicht nötig, für jeden Beschäftigten einen festen Arbeitsplatz in einem Büro bereitzuhalten, sagt Kuchenbecker. Stattdessen gehe der Trend zu offenen sogenannten flexiblen Arbeitszonen.

Dieses Konzept sieht vor, dass Beschäftigte sich jeden Tag einen individuellen Arbeitsplatz suchen. Ausgestattet mit einem Laptop und einem funktionierenden Internetzugang können sie überall auf Daten und Server zugreifen und ihre Aufgaben erledigen. Was auf der einen Seite viel Spielraum für die eigenen Bedürfnisse schafft, sei auf der anderen Seite nicht zu unterschätzen. „Es ist wichtig, seine Kollegen regelmäßig zu treffen und sich mit seinem Umfeld zu identifizieren“, sagt Kuchenbecker. Denn nur wer sich wohlfühle, könne auch gute Arbeit leisten.

Ganz praktisch sähe das beispielsweise so aus: Wer viele Telefongespräche führen muss, kann sich in eine ruhige Nische zurückziehen. Wer Feedback oder Ideenaustausch braucht, sucht Kontakt zu anderen Mitarbeitern in den Kommunikationszonen.

Kommunikation im Wohnzimmer

Diese ähneln der Einrichtung des eigenen Wohnzimmers: Gemütliche Sofas oder Sessel laden zum Ausruhen ein. Abseits vom starren Schreibtisch sollen die Beschäftigten bei einer Tasse Kaffee oder Tee miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen und entspannen.

Ein regionales Beratungs- und Planungsunternehmen, das solche Kommunikationszonen schon in seinem Bürokomplex eingerichtet hat, ist die Firma Carpus + Partner an der Forckenbeckstraße. Die Zonen befinden sich an den Schnittstellen zwischen zwei Etagen, um die Kommunikation zwischen den Stockwerken zu fördern. Die Treppen sind durch kleine Sitzgelegenheiten unterteilt.

Es gibt eine offene Teeküche und einen abgetrennten Bereich, der nicht nur als Sitzecke für die Mittagspause, sondern auch für kurze Gesprächsrunden genutzt werden kann. Schreibtische, Computer und Aktenstapel sind weit entfernt. Was auf den ersten Blick so verlockend klingt, birgt auch die „Gefahr, dass Freizeit und Arbeit miteinander verschwimmen“, sagt Kuchenbecker. Am Forschungszentrum Jülich sehnten sich dennoch vor allem viele junge Wissenschaftler nach solchen Arbeitsräumen. „Während die Älteren gerne eine Tür haben, die sie schließen können, sind die Jüngeren sowieso ständig auf zwei oder drei Kommunikationswegen unterwegs“, sagt Kuchenbecker.

Indem sie Mails mit ihrem Smartphone von jedem Ort aus abrufen können oder sich über Messenger mit anderen Wissenschaftlern austauschen, spielt die Arbeit auch in ihrem privaten Umfeld schon jetzt eine Rolle. Diese Vernetzung und Kombination von Arbeit und Freizeit scheint zu funktionieren und zunehmend Chefs und Mitarbeiter zu überzeugen.

Wünsche der Beschäftigten

Kevin Lang arbeitet seit einiger Zeit bei Carpus + Partner in der Werkstatt, wie das Gebäude von den Mitarbeitern genannt wird. Sein Arbeitsplatz wurde erst kürzlich in einem Atrium neu eingerichtet. „Wir brauchten einfach mehr Platz“, sagt er. Dort wo eigentlich eine leere Fläche sein sollte, sind weitere Arbeitsplätze entstanden — nach den Vorstellungen der Beschäftigten. Die wünschten sich eine leise Geräuschkulisse und tatsächlich ist es im ganzen Gebäude sehr ruhig. „Das liegt an dem Schallschutz“, sagt er und deutet auf große, graue Elemente, die von der Decke hängen.

Langs Platz ist ebenso wie die meisten anderen Arbeitsplätze offen einsehbar. Es gibt nur wenige Wände. Dennoch gibt es Möglichkeiten, ungestört miteinander zu sprechen. Dafür hat das Unternehmen Nischen, ähnlich eines Diner-Tisches, eingerichtet, die gleichzeitig als Abgrenzung zum Empfang dienen.

Wie bei Carpus + Partner setzen auch zunehmend andere Arbeitgeber auf mehr Offenheit. Es gibt einen „kleinen Trend zu offenerem Arbeiten“, sagt Lang. „Der Trend geht weg vom Verschachtelten, wo Kommunikation verhindert wird“, sagt auch seine Kollegin Inna Zimmer, die als Soziologin bei Carpus + Partner für die Bereiche Unternehmensentwicklung und -kultur zuständig ist. Dennoch könne man das nicht pauschalisieren, weil die Gestaltung der Räume organisationsabhängig sei. Ein zentrales Mittel für Veränderung ist daher „die Akzeptanz der Mitarbeiter für die neuen Räume“, sind sich Lang und Zimmer einig.

Tools sollen nur unterstützen

Die Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen, bezieht sich jedoch nicht nur auf die räumliche Gestaltung der Arbeitsplätze. Ein weiterer Aspekt innovativen Arbeitens, der sich derzeit gravierend verändert, sind flexible Arbeitszeiten und -modelle. Dazu zählt auch das sogenannte Job-Sharing, das sich in den vergangenen Jahren etabliert hat.

Durch das Teilen einer Arbeitsstelle — und nichts anderes heißt Job-Sharing übersetzt — ergeben sich nicht nur Möglichkeiten für Alleinerziehende, die halbtags arbeiten können, es tun sich auch Chancen für die Unternehmen auf. „Wissen darf nicht verloren gehen“, sagt Zimmer. Denkbar wäre zum Beispiel, dass ein älterer Mensch, der viel Erfahrung hat, aber nicht mehr so viele Stunden am Tag arbeiten will, sich eine Stelle mit einem jüngeren Arbeitnehmer teilt und so sein Wissen langfristig weitergeben kann, bevor er sich aus dem Unternehmen zurückzieht.

Trotz all der Möglichkeiten und Chancen, die durch räumliche, zeitliche Flexibilität sowie durch die Digitalisierung möglich sind, sei eines ganz wichtig: „Die Grundidee ist, dass physische Vernetzung nicht ganz verdrängt werden kann“, sagt Zimmer. Nur dadurch könne Innovation entstehen.

Auch wenn sich durch Videokonferenzen große Distanzen überbrücken lassen, legen die Mitarbeiter bei Carpus + Partner viel Wert darauf, sich regelmäßig persönlich zu treffen und miteinander ins Gespräch zu kommen. „Liebeserklärungen macht man ja auch nicht per Videokonferenz“, sagt Zimmer. Im Arbeitsalltag seien es weniger Liebesbekundungen, sondern Feinheiten, die über die technischen Mittel nicht mehr erkennbar seien.

Unter anderem komme das Wir-Gefühl zu kurz, weil derjenige, der über den Monitor zugeschaltet ist, trotz Bild leicht ausgeblendet werden kann. „Wir haben den Anspruch an uns selbst, dass die Maschine niemals den Menschen ersetzen wird“, sagt die Soziologin. Den direkten Austausch der Menschen untereinander, stuft auch Kuchenbecker als wichtig ein. „Die Kommunikation mit anderen bietet enorme Chancen“, sagt er.

Das ließe sich durch Studien der Pharmaforschung belegen, wonach die besten Ideen am Arbeitsplatz im Austausch mit anderen Mitarbeitern entstehen. Um dies zu fördern, soll es den Arbeitnehmern so angenehm wie möglich gemacht werden. Perspektivisch werden dafür nicht nur Räume innerhalb eines Büros, sondern auch Grünanlagen zunehmend genutzt. „Das werden wir in den nächsten Jahren weiter ausbauen“, sagt Kuchenbecker.

Die wichtigste Voraussetzung für innovatives Arbeiten sei, dass die technischen Voraussetzungen wie ein funktionierendes W-Lan-Netz perfekt seien. „Sonst nehmen die Menschen das nicht an“, sagt er.

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