Kölner Schriftsteller: 99 Schattierungen von „Heimat ist ...“ in Buchform

Kölner Schriftsteller : 99 Schattierungen von „Heimat ist ...“ in Buchform

Diese Frage hat der Kölner Schriftsteller Joachim Rönneper Politikern gestellt. Manche Antwort überrascht. Heimatminister kneift.

Christian Lindner, der FDP-Bundesvorsitzende, antwortete als Erster, während Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) über seinen Leitungsstab mitteilen ließ, dass der „Herr Minister Ihrer Bitte um Mitwirkung an Ihrem Projekt leider nicht entsprechen kann. Allen Anfragen nachzukommen, würde die Arbeitskraft des Herrn Minister in einer Weise beanspruchen, dass dies seine Aufgabenwahrnehmung oder seine Gesundheit beeinträchtigen würde“.

Dabei hatte der in Köln lebende Schriftsteller und Konzeptkünstler Joachim Rönneper eigentlich weder Zeit- noch Kraftraubendes verlangt. Der 61-Jährige hatte lediglich darum gebeten, eine Karte mit dem Vordruck „Heimat ist“ handschriftlich zu ergänzen. Diesen Vordruck im Postkartenformat schickte er vor Jahresfrist an nahezu jedes zweite Mitglied des 19. Deutschen Bundestages. 350 von 709 Volksvertretern erhielten Post von Rönneper. Da aber seinem Wunsch, die Karten über den jeweiligen Fraktionsverteiler des Bundestages den Abgeordneten zuzustellen, nicht entsprochen wurde, war er gezwungen, jeden politischen Vertreter persönlich anzuschreiben, so dass er aus Kostengründen sein parteiübergreifendes Projekt zahlenmäßig halbierte.

In Ergänzung schrieb er zudem noch alle Kabinettsmitglieder, die Ministerpräsidenten sowie weitere prominente Politiker an. Insgesamt verschickte er 382 Anfragen – und bekam 99 Rückantworten innerhalb der vorgegebenen Sechs-Wochen-Frist. Die handgeschriebenen Karten sowie die gesamte Korrespondenz in Zusammenhang mit dem Projekt wie auch der besseren Lesbarkeit wegen die handgeschriebenen Antworten zusätzlich in Druckschrift, sind nun zusammengefasst in einem kompakten Büchlein im handlichen Postkartenformat unter dem Titel „Heimat ist“ erschienen.

Rund 25 Prozent der Angeschriebenen haben sich also zur Heimatfrage geäußert. Hatte der Herausgeber mit mehr Leidenschaft für dieses emotionale Thema gerechnet? „Ich habe mich überraschen lassen“, sagt Joachim Rönneper, wobei er von den Mitgliedern des Ausschusses für Inneres und Heimat mehr Antworten erwartet hatte; sein Gedankengang „Heimat zu Heimat“ sei wohl ein Trugschluss gewesen. Offensichtlich gebe es auch „heimatlose Volksvertreter“.

Um so mehr Freude hatte er dafür an der originellen Antwort des FDP-Abgeordneten Stephan Thomae, „der fast im Sinne der konkreten Poesie seine Antwort ‚Allgäu‘ angeschrägt schrieb. Man stellt sich gleich die Berge in seiner Heimat vor“, sagt Rönneper schmunzelnd. Das Projekt räumte bei ihm aber auch mit eigenen Fehleinschätzungen auf, als er beispielsweise den Beitrag der Linken-Chefin Katja Kipping las: „Ihre Antwort hat mich verblüfft. Medial kommt die Dame mir zu doktrinär vor, ihre Antwort aber zeugt von einem sympathischen Laissez faire“. „Heimat ist dort, wo ich in geselliger Runde unter Freundinnen die Zeit (und auch mal die vernünftigen Vorsätze) vergesse“, hatte die Fraktionsvorsitzende mit roter Tinte konstatiert.

Zauberwort Geborgenheit

Gerade das handschriftliche Verfassen des Heimatgedankens gibt dem Buch eine unverwechselbare und ehrliche Note, und die Vielfalt der Antworten unterstreicht, dass Heimat eine wirklich persönliche, subjektive und manchmal auch entlarvende Angelegenheit ist, wenn etwa Stephan Protschka, Mitglied des AfD-Bundesvorstandes wissen lässt: „Heimat ist mein geliebtes Bayern und mein Vaterland Deutschland!“ oder sich der grüne Ex-Umweltminister Jürgen Trittin kurz und knapp festlegt: „Heimat ist Labskaus, Werder, Windrad.“ Für Joachim Rönneper selbst übrigens ist Heimat „in letzter Zeit meine Stammkneipe ‚Alt Neppes‘ in Köln“.

Dass gerade jetzt eine Neubewertung des Heimatbegriffes diskutiert wird, überrascht ihn angesichts „der Gesichtslosigkeit der Globalisierung“ nicht: „Die Schnelllebigkeit der Zeit zertrampelt die Gemütlichkeit der Langsamkeit. In einer haltlosen Welt gibt friedliche Heimat Halt. Geborgenheit ist das heimatliche Zauberwort“, philosophiert er.

Die Original-Antwortsammlung möchte Joachim Rönneper nun der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das Haus der Geschichte in Bonn winkte allerdings schon ab, weil das Projekt nicht den „sammlungskonzeptionellen Überlegungen“ des Hauses entspreche, das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigte sich hingegen interessiert.

Joachim Rönneper (Hrsg.): Heimat ist, Abgeordnete des 19. Deutschen Bundestages antworten; Arachne Verlag, Bonn, 185 Seiten, ISBN 978-3-932005-78-7, 9,80 Euro.

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