„Die Jünger-Zwillinge“ aus Hilden: 80 Jahre ein Leben im Plural

„Die Jünger-Zwillinge“ aus Hilden : 80 Jahre ein Leben im Plural

Als Brigitte merkte, dass sie ihre Kniestrümpfe vertauscht hatten, war der Spaß vorbei. Sie packte Waltraud am Ärmel und verlangte, dass sie ihre Strümpfe ausziehen möge, jetzt sofort. Mitten auf dem Marktplatz in Hilden, in aller Öffentlichkeit.

Die Strümpfe sahen zwar gleich aus, wie alle Kleidungsstücke, die die Zwillinge in den 1940er Jahren besaßen, aber in Brigittes Sachen war an der Innenseite ein kleiner Stern eingenäht, damit die Schwestern ihre Sachen auseinanderhalten konnten. Sie sahen gleich aus und wollten das auch. Trotzdem besaß jede ihr eigenes Paar Kniestrümpfe. Und Brigitte bestand auf ihrem, mit dem Stern innen.

Wenn Brigitte Pagel und Waltraud Jünger heute davon erzählen, schmunzeln beide. Das mit dem doppelten Lottchen hat sich inzwischen erledigt. Sie besitzen nur noch wenige gleiche Kleidungsstücke, eine dunkelblaue Strickjacke zum Beispiel. Wenn eine plant, die Strickjacke zu tragen, sagt sie vorher der Schwester Bescheid, damit sie ja nicht im Einheitslook irgendwo auftauchen. Einen ähnlichen Stil haben sie trotzdem. „Wenn wir shoppen gehen, gefallen uns oft dieselben Sachen. Dann stimmen wir ab, wer das Teil nun kaufen darf“, erzählt Brigitte – und spricht dabei für beide.

Und da waren es plötzlich zwei

Am Karnevalsdienstag vor 80 Jahren wurden die Zwillinge im Stadtkrankenhaus in Hilden geboren. Waltraud war damals die große Überraschung: Ultraschalluntersuchungen gab es im Jahr 1939 noch nicht. Als Brigitte also auf der Welt war und der Arzt verkündete, dass da gleich noch ein zweites Kind geboren würde, war die Verwunderung groß. Eine Viertelstunde später war das zweite Baby da.

Wie prägt es einen Menschen, wenn man von Stunde null an zu zweit auf der Welt ist? Am Ende unseres Lebens haben uns unsere Geschwister in der Regel die längste Zeit begleitet. Eltern und Großeltern sterben in der Regel vor uns, Ehepartner und Freunde unter Umständen auch. Die Beziehung zu Kindern ist eng, aber eben doch eine andere als die zu Geschwistern. Auf Zwillinge trifft dieser Umstand in besonderem Maße zu, da sie von Kindesbeinen an jeden Schritt gemeinsam gehen – und somit auch dem ständigen Vergleich untereinander ausgesetzt sind.

„Die Jünger-Zwillinge“ – bis heute werden sie in der Stadt so genannt. Obwohl Brigitte geheiratet hat und seit fast 60 Jahren einen anderen Nachnamen trägt. Beide haben beinahe ihr komplettes Leben in der Stadt im Kreis Mettmann verbracht. 55 Jahre haben sie im Kirchenchor ihrer Konfirmationsgemeinde gesungen. Manche können sie dort immer noch nicht auseinanderhalten, „wie die Lehrer in der Schule früher“, erinnert sich Waltraud. Oft hatte Brigitte die guten Noten für mündliche Beteiligung im Englischunterricht kassiert, obwohl Waltraud sich mehr beteiligt hatte. Das empört sie bei der Erinnerung daran noch heute.

Aufgewachsen sind die Schwestern in einem Haus in der Feld­straße in Hilden. Unten wohnten Großmutter, Tante und ein Cousin, oben die Mutter mit den Zwillingen. Der Vater war im Krieg. Dennoch beschreiben sie ihre Kindheit als „wunderbar“, es gab Hühner, ein Schwein und einen Sandkasten im Hof. „Hunger kannten wir nicht, es gab immer genug zu essen“, erzählt Waltraud. Nur die Nächte waren schlimm: Bis sie fünf Jahre alt waren, gab es fast jede Nacht Fliegeralarm. Die Angst, die sich bei dem schrillen Geräusch der herannahenden Bomber einstellte, ist geblieben. „Wenn bei einem Probealarm die Sirenen getestet werden, kommen mir heute noch die Tränen“, sagt Brigitte. Dann sitzt sie gemeinsam mit ihrer Schwester auf dem Sofa, und beide warten dann, bis der Alarm vorbei ist.

Schlechte Gefühle gemeinsam ertragen, das konnten sie schon immer. Auch damals, als beide Mädchen eigentlich schon fürs Gymnasium angemeldet waren, und der Vater dann doch einen Rückzieher machte, weil er nicht sicher war, das Schulgeld für zwei Kinder bis zum Abitur bezahlen zu können. „Was waren wir enttäuscht, dass wir nun doch auf die Mittelschule gehen mussten“, erzählt Brigitte. Und Waltraud nickt.

Schwarzer Humor, Musik von Bach

Das tun beide Schwestern, wenn sie Geschichten erzählen: Sie sagen ganz selbstverständlich „wir“, ohne dass die andere beleidigt ist oder sich bevormundet fühlt. „Wir mögen Musik von Bach.“ „Wir kochen gerne vegetarisch.“ „Wir haben einen schwarzen Humor.“ Wenn einen andere immer im Doppelpack erleben, nimmt man sich irgendwann wohl auch selbst so wahr. Außenstehende hatten es schwer, ein Bein bei den Zwillingen auf den Boden zu bekommen: Nur mit einer von beiden befreundet zu sein, ging nicht. Die Jüngers waren eine Einheit, es gab sie zu zweit oder gar nicht.

Das änderte sich Anfang der 1960er Jahre, als Brigitte ihren späteren Mann kennen und lieben lernte. „Die Zeit, als meine Schwester anfing, mit dem Horst zu gehen, war schwierig für mich. Ich fühlte mich verlassen, habe aber nichts gesagt“, sagt Waltraud rückblickend. Die Eltern hingegen redeten auf Brigitte ein, sie könne doch ihre Schwester nicht plötzlich sich selbst überlassen. Aber die junge Frau spürte: Ich will diesen Mann alleine treffen – als Brigitte, nicht als eine von den Zwillingen.

„Ich habe mir nie ein schlechtes Gewissen machen lassen. Ich wusste, dass meine Schwester sich für mich freut.“ So war es auch: Als ein Jahr später geheiratet wurde, begleitete Waltraud ihre Zwillingsschwester als Trauzeugin zum Altar. Von da an trennten sich ihre Wege für eine Zeit lang, aus dem „wir“ wurden zwei „ich“.

Waltraud arbeitete viele Jahre als Direktionsassistentin in einer amerikanischen Firma. Sie machte Karriere, reiste durch Europa. Auf Geschäftsreisen war sie oft die einzige Frau unter lauter Männern, der Richtige war aber nicht dabei. Geheiratet hat sie nie. Mit 30 Jahren entdeckte sie ein Hobby, das sie mit niemandem teilen musste: das Reiten.

„Während Waltraud um die Welt reiste, habe ich Erbsensuppe gekocht“, erinnert sich Brigitte, und dabei schwingt kein Deut Verbitterung mit. Sie hatte sich für die Erbsensuppe entschieden und es nie bereut.

Wenige Jahre nach der Hochzeit wurden die Söhne geboren. 18 Jahre blieb sie deshalb zu Hause, bevor sie ihren Beruf als Finanzbeamtin wieder aufnahm. Brigittes größte Herausforderung wartete in der Ehe auf sie. „Ich musste erst lernen, mit meinem Mann über Gefühle zu sprechen. Mit meiner Zwillingsschwester war das nie notwendig, wir haben uns ohne Worte verstanden.“ Manch einer habe gesagt, dass ihr Mann Horst ja mit zwei Frauen verheiratet gewesen sei. Das stimmte aber nicht, sagt Brigitte. Ihre Schwester habe stets an den richtigen Stellen Sensibilität bewiesen und sich zurückgezogen.

Eine so enge Vertraute zu haben, hat sich für die junge Mutter Brigitte oft als Vorteil erwiesen: Wenn im Urlaub eines ihrer Kinder nachts schrie, konnte Tante Waltraud die Kleinen im Dunkeln ebenso beruhigen wie die Mutter. „Mein Geruch und mein Körper waren wohl sehr ähnlich. Nur wenn ich anfing zu sprechen, bemerkten die Jungs den Unterschied“, erinnert sie sich.

Rückblickend war es wichtig für die Zwillinge, dass es in ihrem Erwachsenenleben eine Phase gab, in der die Schwester zumindest nach außen hin nicht so präsent an der Seite war wie noch zu Kinderzeiten. Denn bei aller Geschwisterliebe: Der Wunsch nach Individualität wurde stärker und wollte ausgelebt werden. „Wir wären heute andere Menschen, wenn wir nicht auch mal getrennt voneinander gelebt hätten“, sagt die eine. „Wahrscheinlich wären wir fürchterlich schrullig“, ergänzt die andere. Und dennoch: Obwohl sie für viele Jahre an unterschiedlichen Orten wohnten, den Alltag nicht teilten und ihre Leben unterschiedlichen Dingen widmeten – eine emotionale Trennung gab es nie. Wenn Brigitte Hilfe brauchte, war Waltraud zur Stelle – und umgekehrt.

Ein Mittel gegen die Einsamkeit

Erst im Seniorenalter bewegten sich die Zwillinge auch räumlich wieder aufeinander zu. Seit 16 Jahren wohnen sie im selben Haus: Brigitte im vierten Stock, Waltraud im fünften. Als vor zwei Jahren Brigittes Mann starb, war die Zwillingsschwester das beste Mittel gegen die Einsamkeit. „Es tut gut, immer jemanden zum Reden zu haben“, sagen beide. Besonders abends, wenn man sich schnell alleine fühle, sei es schön, beispielsweise gemeinsam Fernsehen zu schauen. „Im Moment gucken wir manchmal ‚Inspector Barnaby‘“, sagt Waltraud. „Aber wir verstehen nicht immer alles, weil da so viele Charaktere auftauchen.“ Dabei kichern beide wie Schulmädchen. Wenigstens sind sie gemeinsam ratlos.

Zusammen wohnen möchten sie aber unter keinen Umständen, da sind sie sich einig. Auch nicht im Pflegeheim, wenn es irgendwann einmal so weit kommen sollte. Waltraud sei viel zu unordentlich, Brigitte viel zu pingelig, sagen sie. Ehrlichkeit, wie sie wohl nur unter Geschwistern möglich ist. In dieselbe Einrichtung würden sie schon gehen, aber jede bräuchte ihr eigenes Zimmer.

Je mehr Zeit man mit den 80-Jährigen verbringt, desto mehr verstärkt sich das Gefühl, es mit zwei Weisen zu tun zu haben, die sich eine Art inneres Kind bewahrt haben. Ihr Umgang miteinander ist liebevoll und garstig zugleich. Waltraud zuppelt an Brigitte herum, wenn diese einen Fussel auf der Kleidung hat, Brigitte korrigiert ihre Schwester und rechtfertigt das süffisant mit ihren 15 Minuten mehr Lebenserfahrung. Beide necken sich, wollen sich aber im Beisein fremder Menschen zurückhalten.

Schwere Zeiten

Noch näher zusammengebracht haben sie die schweren Zeiten. Beide Eltern haben sie auf dem Sterbebett gepflegt, sich mit der Nachtwache abgewechselt. Als bei Waltraud vor zehn Jahren ein Tumor in der Brust gefunden wurde, war Brigitte bei jeder Untersuchung dabei. Zum Glück erwies sich dieser als gutartig. Vor kurzem musste Brigitte wegen einer Muskelschwäche mehrere Tage ins Krankenhaus. Natürlich kam die Zwillingsschwester jeden Tag zu Besuch. Ernsthaft Sorgen, dass es zu Ende geht, hat Waltraud sich aber nicht gemacht, sagt sie. „Ich glaube, wir sterben eher an einem Infarkt. Wir haben ein schwaches Herz.“ Wieder der Plural. Von Stunde null bis zur Stunde X gemeinsam auf der Welt. Man hat den Eindruck, die beiden wissen, wie es geht.