Gladbeck/Aachen: 30 Jahre nach Gladbecker Geiseldrama bewerten Beteiligte ihre Rollen anders

Gladbeck/Aachen : 30 Jahre nach Gladbecker Geiseldrama bewerten Beteiligte ihre Rollen anders

30 Jahre nach dem Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Medien, Polizei und Politik beinahe gänzlich hilflos der dreitägigen Irrfahrt des Gangsterduos Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner Mitte August 1988 durch die halbe deutsche Republik zusahen (und Medienvertreter teilweise mitmachten), ist endlich ein Stück dringender Aufarbeitung angesagt.

Nach der Ausstrahlung des noch heute aufwühlenden Doku-Dramas „Gladbeck“ in der ARD vom März 2018 kommt Bewegung in die mediale wie auch politische Neubewertung eines der spektakulärsten Verbrechen in der Geschichte der Nachkriegsrepublik.

Interviews am Fluchtauto: Auch die Medien agierten damals nicht immer glücklich. Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner (kleines Bild) sitzt nach wie vor in der Aachener Justizvollzugsanstalt. Foto: dpa

Was damals nach der Geiselfahrt nicht geschah, will NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nachholen. Er wird am Grab der bei Bad Honnef am 18. August 1988 erschossenen Geisel Silke Bischoff der Opfer gedenken — außer Bischoff starben auch Emanuele de Giorgi und Ingo Hagen. Man wolle „Verantwortung übernehmen“, hieß es aus Düsseldorf: „Es ist überfällig“, so der heutige Ministerpräsident mit Blick auf den damaligen Amtsinhaber Johannes Rau, „dass auch Nordrhein-Westfalen seine Verantwortung wahrnimmt.“

Damals, am Morgen des 16. August 1988, ist es beinahe ebenso heiß wie an vielen Tagen des Sommers 2018, Temperaturen von weit mehr als 30 Grad werden erwartet, die Menschen stöhnen seit Tagen unter der Bullenhitze, es ist bis dahin der heißeste Sommer in den Wetteraufzeichnungen, das Leben der Menschen ist träge und schweißgetränkt.

Dann, gegen 7.55 Uhr, dringen der 31-jährige Hans-Jürgen Rösner und der 32-jährige Dieter Degowski in die Deutsche-Bank-Filiale in Gladbeck-Rentford ein, sie sind schwer bewaffnet. Die in der Region einschlägig bekannten Kriminellen hatten bereits, wie sich später herausstellt, die ganze Nacht durchgemacht, waren morgens auf einem Moped in die Nähe der Filiale gefahren und wollten nun mit dem Coup ihre Kasse aufbessern.

Geiseln, Geld und ein Fluchtauto

Als bereits kurz nach der Kaperung der Bank ein langsam vorbeifahrendes Polizeifahrzeug auffällt, ist den beiden Verbrechern schlagartig klar, dass aus dem „simplen“ Überfall mit „Hände hoch und Geld her“ nichts mehr wird. Sie nehmen später den Kassierer und eine Kundenberaterin als Geiseln, fordern 300.000 D-Mark und ein Fluchtfahrzeug, beides bekommen sie, später auf der Flucht stößt noch die Verlobte Rösners, Marion Löblich, damals 34 Jahre alt, hinzu - und fährt mit.

Und damit hat die Polizei plötzlich eine „Lage“, aus der sie in den Ländern NRW, Niedersachsen und Bremen bis zum blutigen Ende am 18. August mittags auf der A3 nahe Bad Honnef nicht mehr herauskommt, Zugriffssituationen verstreichen, die Ermittlungsakten lesen sich wie Aufzeichnungen polizeilichen Unvermögens.

Mit den traurigen Ereignissen am Rastplatz Grundbergsee bei Bremen — hier wurde der erst 15-jährige Italiener de Giorgi erschossen — und den im negativen Sinne legendären Live-Interviews im Kölner Stadtzentrum in unmittelbarerer Nähe der Redaktion einer großen Boulevardzeitung wurde diese „Lage“ dann auch medial auf die Spitze getrieben. Der Deutsche Presserat hat inzwischen festgelegt, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf. Der damalige NRW-Innenminister Herbert Schnoor (SPD) aus dem Kabinett von Ministerpräsident Johannes Rau sah später keinen Grund, der Polizei Versagen vorzuwerfen, geschweige denn dachte Schnoor an Rücktritt. Von Staatsversagen, wie die desolate Verfolgungsjagd heute bewertet wird, war keine Rede.

Im ebenfalls SPD-geführten Bremen wurde das anders gesehen. Innensenator Bernd Meyer sah im November 1988 ein, dass das Polizeiprinzip der „langen Leine“ kläglich gescheitert war. Meyer übernahm die Verantwortung — und seinen Hut.

Urteil: Lebenslange Freiheitsstrafen

Degowski und Rösner wurden vom Schwurgericht in Essen zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Der zuletzt in der Haftanstalt Werl einsitzenden Dieter Degowski kam im Februar dieses Jahres mit einer neuen Identität frei, wo er lebt, wissen nur seine Bewährungshelfer. Schwieriger liegt die Sache bei dem seit gut fünf Jahren in der Aachener Justizvollzugsanstalt untergebrachten Rösner. Er hat zusätzlich zu lebenslanger Haft die Bürde der Sicherungsverwahrung zu tragen, nur ein Gutachten über psychologische Fortschritte und seine Eignung für ein Leben in Freiheit könnten ihm eine Perspektive verschaffen.

Das sei gar nicht so weit hergeholt, versichert Rösners Aachener Anwalt Rainer Dietz: „Ich habe nach dem Lesen des aktuellen Vollzugsplans berechtigte Hoffnung, dass mein Mandant unter Umständen bereits im kommenden Jahr in den offenen Vollzug könnte.“ Rösner wolle auch nicht wie Ex-Kumpel Degowski eine andere Identität. Denn anders als in vorherigen Jahren habe sich Rösner jetzt bereits seit einiger Zeit nicht mehr gegen die notwendigen Therapien gesträubt, versicherte Dietz. Rösner hatte in einer Haftphase noch vor etwa fünf Jahren als schwierig gegolten, nicht gewalttätig, jedoch als komplizierter Gefangener, der einfach nicht alles mitmache.

Inzwischen stellt selbst die neue Aachener Anstaltsleiterin, Elke Krüger, dem prominenten Gefangenen ein gutes Zeugnis aus: „Herr Rösner nimmt regelmäßig an einer externen Psychotherapie teil und lebt in einer darauf ausgerichteten Wohngruppe.“ Richter Holger Brantin, Vorsitzender der Strafvollstreckungskammer des Aachener Landgerichts, sagt dazu: „Wenn Herr Rösner glaubt, er macht Fortschritte, kann er in der momentanen Situation jederzeit einen Antrag zur Überprüfung seiner Haftsituation stellen.“

Tödliche Kugel

Für Anwalt Dietz ist lange nicht nachgewiesen dass Rösner Silke Bischoff erschoss. Zweifellos sei er für alles verantwortlich, das habe er immer gesagt. Doch: „In dieser Situation auf der Autobahn hat Rösner beiden Mädchen versprochen, sie bei der nächsten Gelegenheit aus dem Wagen zu lassen“, dann sei das SEK angerollt.

Die tödliche Kugel sei zwei Wochen nach der Tat nicht auffindbar gewesen. Als sie wieder auftauchte, sei sie so deformiert gewesen, dass sie keiner der Waffen mehr zuzuordnen war. „Hinzu kommt die Unauffindbarkeit der Tonbandmitschnitte der Innenraumüberwachung im Flucht-BMW genau zur Zeit des Rammvorgangs und des Schusswechsels auf der Autobahn“, moniert der Anwalt.

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