Brilon/Düsseldorf: 22 „Zwangs-Hessen” wollen nach NRW

Brilon/Düsseldorf: 22 „Zwangs-Hessen” wollen nach NRW

22 Menschen aus dem hessischen Örtchen Diemelsee-Stormbruch wollen keine Hessen mehr sein.

Ihre Straße gehört geografisch zum rund 500 Einwohner zählenden NRW-Dorf Brilon-Bontkirchen, aber sechs Wohnhäuser, eine Wirtschaft, ein Sägewerk, Schützenhalle und Sportplatz des Dorfes liegen hinter der in der Mitte des Flüsschens Itter verlaufenden Landesgrenze. Für die 22 Stormbrucher ein Drama.

„Für die Berliner Mauer haben die nicht mal 30 Jahre gebraucht und hier, das sind doch Peanuts und trotzdem dauert das schon Jahrzehnte.” Bontkirchens Ortsvorsteher Albert Brüne (CDU) steht der Ärger im Gesicht geschrieben, wenn er über die Grenzbereinigung zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen spricht. Wirtin Maria Lange fühlt sich als „Zwangs-Hessin”. „Wir haben doch mit denen nichts zu tun. Nur Steuern zahlen wir da”, sagt die 77-Jährige, die seit 50 Jahren im hessischen Teil von Bontkirchen lebt. „Die Menschen hier werden in NRW geboren, gehen in NRW zu Schule, ins Krankenhaus und sie werden auch auf dem Friedhof in NRW beerdigt”, sagt Brüne.

Außer Steuern zahlen und unnötigen Behörden-Laufereien verbinden die 22 hessischen Bontkirchener nichts mit „ihrem” Bundesland. Für den Besuch der NRW-Schulen müssen Anträge gestellt werden, die Autos jenseits des Grenzflüsschens haben ein anderes Nummernschild und die Müllabfuhr kommt auch an einem anderen Tag. Und wahlmüde sind die hessischen Bontkirchener auch. Denn Kommunal- und Landespolitik in Diemelsee und Wiesbaden interessiert sie nicht.

Alles Kleinigkeiten, die in der Summe aber das Leben erschweren. Was die Politik seit Jahrzehnten nicht schafft, hat die Telekom schon lange im Griff. Denn die hessischen Exil-Westfalen bekommen nicht nur Strom und Wasser aus Bontkirchen, auch die Telefone laufen über das Vorwahlnetz von Brilon.

Als die Landesgrenze gezogen wurde, gab es das Problem noch nicht. „Dann gab es im Dorf keine Bauplätze mehr. Da haben einige am anderen Ufer der Itter auf geerbten Grundstücken gebaut”, erzählt Brüne. Die Grenzbereinigung scheiterte mal am Desinteresse des Bürgermeisters in Brilon, mal am Widerstand des in Hessen zuständigen Stadtoberhaupts von Diemelsee. „In den 90er Jahren hat der hessische Bürgermeister gesagt: Ich tausche doch keine Menschen gegen Bäume”, erzählt Brüne. Damals hatte Brilon als Ersatz für die etwa 180,000 Quadratmeter ein Stück Wald angeboten. Der heutige Bürgermeister von Diemelsee, Volker Becker, zeigt dagegen Verständnis für den Wunsch der Nordhessen: „Überall ist von einem vereinten Europa die rede und hier läuft eine Grenze direkt durch den Ort.” Die Bontkirchener hätten keinerlei sozialen Bezug zu den Menschen in Diemelsee.

Laut Becker gab es schon vor drei Jahren Versammlungen, bei denen die Bürger aus NRW und aus Hessen Zustimmung zur Grenzbereinigung signalisierten. Die Frage, warum bei soviel allseitiger Zustimmung die Entscheidung so lange dauerte, weiß jedoch auch Becker nicht zu beantworten. „Seit dem Ende der 1950er Jahre bemüht sich die Stadt Brilon um die Grenzänderung”, heißt es im Entwurf zum Staatsvertrag. Der hessische Landtag hatte sich bereits im Juli dieses Jahres für eine Änderung der Grenzziehung ausgesprochen. Nun soll auch der nordrhein-westfälische Landtag grünes Licht geben. Damit wären die 22 jetzigen Nordhessen endlich offiziell Nordrhein-Westfalen.

Ganz leer geht Beckers nordhessische Gemeinde Diemelsee in der Angelegenheit nicht aus. 390.000 Euro lässt sich Brilon seine gerade mal 22 Neubürger kosten - als Ersatz für die Steuerausfälle der hessischen Kommune. Laut Vertrag rechnet der NRW-Landtag durch die neuen Landeskinder mit zusätzlichen Steuereinnahmen im „unteren vierstelligen Bereich”.

Finanziell gesehen ist die neue Grenzziehung für das bevölkerungsreichste Bundesland also eine Langzeitanlage. Menschlich wird damit nach Jahrzehnten ein Schlusstrich unter den Grenzstreit gezogen. Laut hessischem Landtag könnten die Stormbrucher am 1. Oktober NRW-Bürger werden. Dann träte das Gesetz in Kraft, sollte NRW dem Vertrag wie geplant in der zweiten Lesung zustimmen.