20 Jahre nach Wuppertaler Schwebebahn-Unglück

Vom Sicherheits-Mythos zur Problem-Bahn : 20 Jahre nach Schwebebahn-Unglück

Vor 20 Jahren erlebten die Wuppertaler die schwärzeste Stunde ihrer weltberühmten Schwebebahn. Fünf Menschen starben, 47 wurden verletzt, als die erste Bahn am Morgen des 12. April 1999 gegen eine bei Bauarbeiten vergessene 100 Kilogramm schwere Eisenkralle prallte und acht Meter tief in die Wupper stürzte.

Zum Jahrestag des Unglücks am Freitag sei nichts geplant, sagte ein Sprecher der Wuppertaler Stadtwerke auf dpa-Anfrage. Nur eine Gedenktafel an der Absturzstelle erinnert noch an das Unglück. Vor zehn Jahren kamen noch 250 Menschen zu einem Gedenkgottesdienst.

Allerdings steht die einst als sicherstes Verkehrsmittel der Welt gerühmte Schwebebahn derzeit still. Nicht zum Andenken an die Opfer, sondern nach einer weiteren schweren Panne im vergangenen November. Die schwere, eiserne Stromschiene der Schwebebahn war auf 350 Meter Länge herabgestürzt und hatte beinahe einen Cabriofahrer erschlagen. Die Ermittlungen in der Sache sind inzwischen eingestellt.

Es ist die bislang längste Betriebsunterbrechung in der 118-jährigen Geschichte der Schwebebahn. Nicht einmal der Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg hat das Rückgrat des Nahverkehrs der Bergischen Großstadt so lange lahm gelegt. Erst am 1. August sollen die Bahnen wieder planmäßig fahren. Die sonst täglich rund 82 000 Fahrgäste sind in Busse verbannt.

Die Schwebebahn wurde 1901 eröffnet und ist 13,3 Kilometer lang. Der „stählerne Lindwurm“ schlängelt sich platzsparend auf 472 Stelzen meist über der Wupper durch das dicht bebaute Tal. Rund zwei Milliarden Passagiere hat sie in der Geburtsstadt von Friedrich Engels, Else Lasker-Schüler, Horst Tappert und Aspirin bereits befördert.

Im Nachgang stellte sich das Unglück von 1999 als Zäsur heraus: Der Nimbus als sicherstes Verkehrsmittel der Welt zerschellte an der Eisenkralle. Seitdem sorgt die Bahn mit einer Pannen-Serie für Schlagzeilen.

Dabei sind es nicht die altersschwachen Teile aus Kaisers Zeiten, die Probleme machen, sondern die bei der letzten großen und 500 Millionen Euro teuren Sanierung eingebauten neueren Teile. So muss nun die Aufhängung der Stromschiene erneut komplett überarbeitet werden. Bereits im Oktober 2013 war die Stromschiene in die Tiefe gestürzt - auf die Fahrbahn, auf Autos und in die Wupper. Damals ruhte der Betrieb mehrere Wochen lang.

Der aktuelle Stillstand trifft nicht nur die Pendler, sondern auch den Tourismus in der 350 000-Einwohner-Stadt: enttäuschte Gesichter statt der obligatorischen Schwebebahnfahrt bei den Besuchern Wuppertals.

Dabei gab es schon früher Zwischenfälle: Kurz vor der Fertigstellung im Jahr 1900 erfasste ein Probezug einen Bauern auf seinem Heuwagen und schleuderte ihn aufs Pflaster. 1917 kollidierten zwei Schwebebahnzüge. Einige Fahrgäste wurden leicht verletzt.

Lange war der legendäre Zwischenfall mit Elefant Tuffi der bekannteste Unfall: 1950 war das Tier bei einer Werbeaktion eines Zirkusdirektors aus der Schwebebahn in die Wupper gestürzt. Von Blitzlicht und Menschenrummel erschreckt, zertrümmerte das Tier
eine Wand und fiel. Tuffi erlitt nur Blessuren.

Im März 1997 fuhren zwei Züge aufeinander, 14 Menschen wurden verletzt. Die Opfer waren Insassen des historischen „Kaiserwagens“, den die Wuppertaler Stadtwerke zu Vergnügungsfahrten einsetzen. Mit ihm hatte Kaiser Wilhelm II. 1900 eine Probefahrt unternommen. Im November 1998 krachte es erneut: In einer Haltestelle wurden bei einer Kollision zehn Menschen verletzt, darunter vier Kinder.

Ein Jahr später folgte dann jenes bislang schwerste Unglück, verursacht durch Schlamperei. „Die Wuppertaler Schwebebahn hat mit dem heutigen Tag einiges von ihrem Ruf als sicherstes Verkehrsmittel der Welt eingebüßt“, sagte der damalige Stadtwerke-Sprecher sichtlich erschüttert. Bis 1999 hatte es keinen tödlichen Unfall gegeben.

„Es herrschte eine gespenstische Stille“, berichtete der
Remscheider Feuerwehrarzt Klaus Westhoff damals. Er war als einer der ersten Retter vor Ort. Helfer zogen verstörte Opfer aus dem kalten Wasser der Wupper. Für die vergessene Eisenkralle mussten sich später acht Angeklagte vor Gericht verantworten. Das Landgericht verhängte Geld- und Bewährungsstrafen. Die für die Sicherheit zuständigen Ingenieure erhielten die höchsten Strafen. Ins Gefängnis kam niemand.

(dpa)
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