10.000 Menschen im Hambacher Forst bei Waldspaziergang

10.000 Demonstranten: Am Hambacher Forst entsteht eine Bewegung

Am Hambacher Forst ist am Sonntagmittag der sogenannte Waldspaziergang des Aachener Waldführers Michael Zobel mit mehr als 10.000 Menschen gestartet. Diese geschätzte Zahl stammt von der Polizei. Der gewaltige Protestzug darf diese Woche offiziell in den von der Rodung bedrohten Restwald.

Dirk Jansen kann sich noch an die Zeiten erinnern, als er seinen Kampf gegen RWE und den Braunkohleabbau quasi alleine führte, so wahnsinnig lange sind sie noch nicht her. Schon der Protest in den 80er Jahren war eigentlich ein eher lokaler gewesen, in den 90er Jahren kam er praktisch zum Erliegen. Sonntagmittag stand Jansen auf einem Anhänger zwischen zwei Feldern in Kerpen-Buir und sprach zu 10.000 Menschen, die gekommen waren, um gegen die Rodung der verbliebenen Reste des Hambacher Forsts zu demonstrieren. „Es ist großartig“, rief er ins Mikrofon, „wir sind überwältigt“, und genau so sah Jansen, Geschäftsleiter beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) auch aus.

Der Aachener Waldführer Michael Zobel, der wie so viele andere die Rodung des Hambacher Forst jahrzehntelang nicht wahr- oder bestenfalls zur Kenntnis genommen hat, hat es geschafft, aus kleinen Gruppen, die er seit 2014 allmonatlich durch den winzigen Restwald führt, eine Bewegung zu machen.

Nicht er allein, aber seine Waldspaziergänge waren ein Katalysator. Bis Ende Juli hatte Zobel in etwas mehr als vier Jahren etwa 14.000 Menschen durch den Hambacher Forst geführt, an den vergangenen drei Sonntagen waren es zusammen mehr als 22.000. Jansen sagte: „Wir haben 40 Jahre lang fast unbeachtet gegen RWE gekämpft. Aber scheiß’ drauf, jetzt sind 10.000 Leute da.“

Die Polizei hat seit dem 13. September 77 Baumhäuser im Hambacher Forst geräumt und abgerissen, die Rodung soll, wenn auch das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster den Eilantrag des BUND abweist, am 15. Oktober beginnen. Sonntagabend ging die Polizei davon aus, dass noch zwei besetzte Baumhäuser im Wald sind, schließt aber nicht aus, dass noch weitere Plattformen gebaut werden, die dann auch wieder geräumt und abgerissen werden müssen, damit die Aktivisten aus dem Wald sind und die Rodungen stattfinden können.

„Es ist unglaublich!“

Dass die Rodungen stattfinden werden, glauben aber weder Zobel noch Jansen. In kämpferischen Kundgebungen vom Anhänger aus ließen sie ihrer Wut auf die Landesregierung freien Lauf. Besonders, nachdem Laschet und RWE-Chef Rolf-Martin Schmitz am Wochenende noch einmal klar gemacht hatten, dass der Hambacher Forst nicht mehr zu retten sei. Zobel erklärte, „die Polizisten hier im Wald werden seit Wochen von der Landesregierung für diesen wahnwitzigen Einsatz missbraucht”. Zobel glaubt, dass der Druck aus der Bevölkerung zu groß wird: „Der Wald wird stehenbleiben.”

„Der Landesregierung geht es nur darum, den starken Staat durchzusetzen und so die Zukunft unserer Kinder zu gefährden“, rief Jansen erbost. „Laschet und Reul“, also Ministerpräsident und Innenminister (beide CDU) „sagen, dass RWE ein Recht hat, diesen Wald zu roden, aber das stimmt nicht!“, fuhr Jansen fort. „Es laufen einige Verfahren gegen RWE“, von denen das vor dem OVG das wichtigste sei. Seinen Beschluss will es am 14. Oktober bekanntgeben.

Foto: ZVA/Marlon Gego

Noch deutlicher wurde Antje Grothus von der Initiative „Buirer für Buir”, die Mitglied in der Kohlekommission ist. Sie sprach von einer „unwürdigen Stimmungsmache” des Innenministers, der seit Monaten vor kriminellen Aktivisten im Wald warne. „Dass es friedlich geblieben ist, passt der Landesregierung nicht ins Konzept”, weswegen Reul immer weiter Öl ins Feuer gieße. Grothus rief: „Es ist unglaublich”, und hätte man die Ausrufezeichen hinter diesem Satz zählen können, wäre man vermutlich auf eine dreistellige Zahl gekommen.

Grothus’ Einschätzung, dass es im Hambacher Forst friedlich geblieben sei, passt nicht zu Mitteilungen der Polizei, die in den ersten Tagen der Räumung von Angriffen mit Steinen und Molotowcocktails berichtet hatte. Zudem seien 51 Polizisten mit Urin und Fäkalien überschüttet worden, zwölf dieser Beamten seien dienstunfähig. Allerdings hatte auch Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach gegenüber unserer Zeitung erklärt, dass „befürchtete schlimmste Widerstandshandlungen bislang ausgeblieben“ seien.

Der Förster und Schriftsteller Peter Wohlleben rief den Menschen zu, „es wird Zeit, dass die Politik das Recht der Bevölkerung über den Profit eines Unternehmens stellt”. Bäume seien die größten Landwesen der Erde, mit ausgeprägtem Sozialverhalten und sogar mit Gedächtnis, sagte Wohlleben. „Wir sind an einem Kipppunkt. Es fehlt nicht mehr viel, bis RWE in seine eigene Grube fällt.” Lautes Gejohle der 10.000 am Waldrand, danach ging es in den Forst, was die Polizei ausdrücklich gestattete. Zobel betonte mehrmals, dass die Kooperation mit den Polizisten und die Verhandlungen über die Streckenführung besonders gut gewesen sei.

Doch der Waldspaziergang könnte nur ein kleiner Auftakt für das gewesen sein, was verschiedene Umweltschutzverbände für nächsten Samstag geplant haben. Um 12 Uhr sollen dann bis zu 50.000 Menschen an den Hambacher Forst kommen, diese Zahl nannten verschiedene Protagonisten als erste grobe Schätzung.

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