Aachen: 100 Jahre KatHO NRW Aachen: „Soziale Arbeit muss politisch werden!“

Aachen : 100 Jahre KatHO NRW Aachen: „Soziale Arbeit muss politisch werden!“

Sie hat sich immer wieder „gehäutet“ und weiterentwickelt, selbst in stürmischen Zeiten. Wie aus der ehemals sozialen Fürsorgearbeit und Wohlfahrtspflege, die Frauen meist ehrenamtlich leisteten, professionelle Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit akademischer Prägung wurde, zeigt die Katholische Hochschule NRW mit ihrer Aachener Abteilung, die vor genau 100 Jahren im Mai 1918 in Aachen eröffnete wurde — allerdings nicht unter diesem Namen.

Am kommenden Dienstag wird in Aachens Aula Carolina gefeiert und sich erinnert. Zunächst war es die Soziale Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes, die von Köln, wo man sich 1916 mit Helene Weber als erster Leiterin gegründet hatte, nach Aachen wechselte. Dann wurde man staatlich anerkannte Soziale Wohlfahrtsschule. Unter dem Druck der nationalsozialistischen Herrschaft wurde die Frauenschule für Volkspflege 1940 vom Provinzialverband übernommen. Erst nach 1945 schloss die KFD wieder einen Vertrag mit der Stadt Aachen zur Neuerrichtung der Schule.

Von der Sozialen Frauenschule (li., historisches Bild 1925 mit Helene Weber, 2. von rechts, und Direktorin Maria Offenberg, li.) zur Katholischen Hochschule NRW Aachen. Das Miteinander im Gespräch ist bis heute wichtig. Foto: Archiv Katholische Hochschule

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Höhere Fachschule für Sozialarbeit besucht werden, seit 1971 schließlich gibt es die Katholische Fachhochschule (KFH NW). Seit 2008 hat die Katholische Hochschule NRW (Katho NRW), Abteilung Aachen, ihren Platz in der Hochschullandschaft. Weitere Standorte der Katho NRW sind Essen, Paderborn, Köln und Münster — alle in der Trägerschaft der NRW-Bistümer. Insgesamt zählt man 5000 Studierende.

Die Aachener Dekanin Ute Antonia Lammel fordert eine angemessene Entlohnung für Sozialarbeiter. Foto: Andreas Herrmann

Was als „Frauenschule“ begann, ist längst ein Ort für beide Geschlechter. Seit 1968 können auch Männer hier studieren. Zuletzt wandelte man 2016 den 1996 gegründeten „Modellstudiengang für Frauen neben der Familienphase“ in den Studiengang „Soziale Arbeit für Frauen und Männer neben der Familientätigkeit“ um. Das Jubiläum — ein Anlass zum Rückblick. „In der Zeit der Industrialisierung nahmen Not und Elend besonders in den Städten zu“, sagt Professor Ute Antonia Lammel, aktiv in der Lehre und seit 2013 Dekanin der Hochschule.

Fürsorge war unbestritten wichtig. Wer leistete sie: Frauen, ehrenamtlich. „Frauen hatten bis dahin kaum Zugang zu Bildung, eine Ausbildung zur Fürsorgerin gab es noch nicht“, berichtet Lammel. „Es waren kluge, mutige Frauen mit emanzipatorischem Bewusstsein, die in der Frauenbewegung jener Zeit aktiv waren. Sie setzten sich für eine qualifizierte Ausbildung ein.“ In einer von Männern dominierten Gesellschaft (erst 1918 kam das Wahlrecht für Frauen) hatte es die Ausbildungsstätte nicht leicht. „Fürsorgerinnen kümmerten sich um die finanzielle Absicherung sozialer Einrichtungen, um Existenzsicherung, Familienhilfe, um Menschen am Rande der Gesellschaft, Ausgegrenzte und Notleidende, um die Jugendpflege“, sagt Lammel.

Das Jugendalter wird wichtig

Von Anfang an war die Ausbildung vielfältig angelegt mit Inhalten aus Entwicklungspsychologie, Pädagogik, Politik, Ethik und Rechtswissenschaft.

Parallel zur Entwicklung der Hochschule verlief eine andere Veränderung: Kindheit und Jugendalter wurden stärker wahrgenommen und Unterstützungsansätze für die vielfältigen Problemlagen entwickelt. Fürsorgerinnen brachten sich aktiv in den Aufbau der Wohlfahrts- und Jugendpflege ein und arbeiteten an der Sicherung von Grundrechten und der Veränderung krankmachender Lebensbedingungen. „Sozialarbeiterinnen engagierten sich politisch und setzten sich von Anfang an für die Menschrechte ein. So war Helene Weber an der Entwicklung unseres Grundgesetzes beteiligt“, betont Lammel. „Unser Archivmaterial zeigt, dass neben den problemzentrierten Anteilen der Ausbildung von Anfang an auch die schönen Künste gepflegt wurden.“

Nach diversen Ortswechseln innerhalb der Stadt bezog die Katho Aachen 1930 den Rudolf-Schwarz-Bau „auf Siegel“. Schwarz wollte mit klaren Formen die Verbindung von Geborgenheit und Offenheit schaffen. Lammel sagt: „Der klösterliche Innenhof sollte den Menschen Ruhe spenden. Das Bauhaus-Denkmal wurde in den vergangenen Jahren behutsam weiterentwickelt und bietet unseren jungen Studierenden auch heute Lebensraum für ganzheitliches Studieren und Gemeinschaftserfahrung.“ Wer an der Katho NRW studierte, konnte zunächst ein Diplom erwerben. Seit dem Wintersemester 2006/07 gibt es den Bachelor- und Masterabschluss.

Der Begriff „Fürsorge“ hat sich stark geweitet, schließt Problembereiche wie Gewalt, Sucht und Gefahren durch Radikalisierung ein sowie Auswirkungen der Digitalisierung. Es gibt zahlreiche internationale Kooperationen mit der Hochschule. Aber noch immer ringt man um gesellschaftliche Anerkennung, Wertschätzung und angemessene Bezahlung in sozialen Berufen. „Soziale Arbeit erbringt wertvolle Beiträge für den Zusammenhalt der Gesellschaft, wir müssen uns aktiv für die angemessene Entlohnung dieser Arbeit einsetzen“, sagt Lammel.

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