Aachen/Koblenz - Arbeitsmarktexperte Stefan Sell: „Wir brauchen einen Pakt zur Berufsausbildung“

Arbeitsmarktexperte Stefan Sell: „Wir brauchen einen Pakt zur Berufsausbildung“

Von: Hermann-Josef Delonge
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Arbeitsmarktexperte Stefan Sell: „Zunächst sollte man definieren, was Fachkräftemangel überhaupt ist.“ Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Aachen/Koblenz. Zu spät, zu kleinteilig, nicht flächendeckend: Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell sieht die Initiativen skeptisch, mit denen dem real existierenden oder zumindest drohenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden soll.

Er fordert einen Berufsausbildungspakt nach Vorbild des Hochschulpaktes. Und dämpft die Hoffnung auf schnelle Erfolge.

Herr Sell, wie groß ist das Problem des Fachkräftemangels?

Stefan Sell: Zunächst sollte man definieren, was Fachkräftemangel überhaupt ist. Da gibt es unterschiedliche Perspektiven. Es gibt Arbeitgeber, die schon von einem Mangel sprechen, wenn es auf eine ausgeschriebene Stelle vier oder weniger Bewerbungen gibt. Aus ihrer Sicht ist das sogar nachvollziehbar. Für die Bewerber, die die Stelle dann nicht bekommen, sieht das naturgemäß ganz anders aus.

Worauf können wir uns einigen?

Sell: Auf die Definition der Bundesagentur für Arbeit. Danach gibt es einen Fachkräftemangel, wenn Stellen länger als im Durchschnitt unbesetzt bleiben und es weniger als 150 Arbeitslose pro 100 Jobangebote gibt. Aber das funktioniert nur, wenn die offenen Stellen der BA auch gemeldet werden. Das ist nicht immer der Fall.

Also: Wie groß ist das Problem?

Sell: Es gibt noch keinen flächendeckenden Mangel. In einigen Regionen – im Süden Deutschlands, in einigen Teilen Ostdeutschlands – ist das Problem groß, in anderen noch nicht. Stellt man eine Hierarchie der Berufe auf, in denen Mangel herrscht, dann sieht das ganz anders aus als das, was lange in den Medien diskutiert wurde. Da war immer von einem Mangel vor allem bei Ingenieuren und anderen akademischen Berufen die Rede. Das mag in einzelnen Bereichen und Regionen so sein. Meine These aber ist: Realen Mangel gibt es bereits heute und in Zukunft vor allem im Bereich der Facharbeiter und Handwerker und ganz besonders im Bereich der Pflege, genauer: bei der Altenpflege.

In einer Umfrage der IHK Aachen haben aber 61 Prozent der Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Konjunkturrisiko genannt. Wie erklären Sie diese hohe Zahl?

Sell: Man muss unterscheiden zwischen der gefühlten Wirklichkeit und den Fakten. Die Diskussion hat sich ein Stück weit verselbstständigt. Manche Arbeitgeber empfinden schon den Verlust ihrer komfortablen Situation – lange Jahre kam auf eine offene Stelle eine Vielzahl von Bewerbern – als bedrohlich. Jetzt hat sich halt die Position der Arbeitnehmer in diesem Spiel von Angebot und Nachfrage verbessert. Aber unabhängig davon gibt es ganz objektive Gründe für die Einschätzung, dass der Mangel zu einer Bedrohung für die genannten Bereiche, also die mittlere Qualifikation, wird. Dort schlagen mehrere Entwicklungen jetzt kräftig ins Kontor.

Welche meinen Sie?

Sell: Seit mehr als 15 Jahren verlieren wir mehr Arbeitskräfte durch den Übertritt in die Rente, als wir durch den Nachwuchs gewinnen – der demografische Faktor. Wir verlieren so in Deutschland jährlich 300 000 Arbeitskräfte.

Aber auf der anderen Seite ist die Beschäftigtenzahl so hoch wie noch nie.

Sell: Stimmt. Denn dieser Verlust wurde bislang durch zwei Effekte kompensiert: Den Überschuss an Ein- gegenüber Auswanderern und den Verhaltenseffekt, wie wir das nennen. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen, auch Mütter von kleinen Kindern, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Außerdem verzeichneten wir eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Das wird mittel- und langfristig den demografischen Faktor aber nicht ausgleichen.

Warum?

Sell: Weil die geburtenstarken Jahrgänge, die jetzt den Großteil der Arbeitnehmer bilden, in den nächsten zehn bis 15 Jahren ausscheiden werden. Das sind die Leute, die eine klassische duale Berufsausbildung gemacht haben. Schauen Sie sich nur das Durchschnittsalter etwa der Poliere auf dem Bau an. Dann können Sie abschätzen, wie groß da der Mangel sein wird, weil nur wenige nachkommen. Denn auch in diesem Bereich ist zu wenig ausgebildet worden. Das fällt uns nun auf die Füße.

War das nicht abzusehen?

Sell: Wir stoßen bei der Beantwortung dieser Frage auf ein systematisches und meiner Ansicht nach unlösbares Dilemma. Die Frage, wie viele Fachkräfte zur Verfügung stehen, kann der einzelne Betrieb nur begrenzt beeinflussen. Dahinter stecken gesellschaftliche oder politische Weichenstellungen. Erneut das Beispiel Handwerk. Da kommt der Druck von oben und unten: Durch die demografische Entwicklung stehen weniger Leute zur Verfügung. Und bei denen hat sich auch noch die schulische Karriere verändert – ein großer Teil der jungen Leute, die früher eine duale Ausbildung gemacht hätten, geht an die Hochschulen. Die sind für das Handwerk zunächst verloren. Jetzt könnte man sagen, das Handwerk sollte sich für die Jugendlichen öffnen, die wir als leistungsschwächer bezeichnen. Das passt aber dann oft nicht, weil die Anforderungen im Handwerk viel höher geworden sind. Die Betriebe können nicht einfach ihre Ansprüche herunterschrauben.

Aber Angebot und Nachfrage sind so, wie sie sind. Was können die Betriebe tun?

Sell: Die werden das nicht gerne hören, aber wenn sich das Angebot verknappt, dann muss sich nach allen Regeln der Ökonomie der Preis verändern. Also: höhere Bezahlung. Tatsächlich ist es doch so, dass viele junge Leute nach ihrer dualen Ausbildung von der Industrie abgeworben werden, weil sie dort mehr verdienen. Hier haben wir das nächste Problemfeld: Die meisten Handwerksbetriebe sind nicht tarifgebunden. Wenn also einer die Löhne erhöht, kann es passieren, dass dies für ihn zu einem klaren Wettbewerbsnachteil wird. Man sollte darüber nachdenken, tarifvertragliche Regelungen allgemeinverbindlich zu machen. Das löst aber nicht das zweite Problem, vor dem die Betriebe stehen: Die Konkurrenz durch Scheinselbstständige, die die Preise drücken. Da ist die Politik gefragt.

Unternimmt die zu wenig gegen das Fachkräfte-Problem?

Sell: Sagen wir es so: In den vergangenen Jahren hat der Bund Milliarden Euro in die Hochschulen gesteckt. Das war gut so. Aber jetzt brauchen wir einen Berufsausbildungspakt, für den dann auch Milliarden Euro verwendet werden müssten.

Was die Handwerksverbände auch vehement fordern.

Sell: Ich unterstütze das. Viele Initiativen und Modellprojekte, die jetzt gestartet werden, sind gut, kommen allerdings viel zu spät und leider nicht flächendeckend.

Stichwort Ausbildungsbereitschaft: Haben es die Betriebe versäumt, sich die Fachkräfte selbst heranzuziehen?

Sell: Das ist ein ganz wunder Punkt. In den Nullerjahren haben viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz gefunden. In der Folge haben wir jetzt mehr als eine Million Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, die keinen Berufsabschluss haben – übrigens ein großes Reservoir für nachträgliche Qualifizierung. Aber auch das wird nur halbherzig angegangen, obwohl wir schon vor Jahren konkrete Vorschläge gemacht haben. In der Zeit, als sie die große Auswahl hatten, haben die Betriebe aus verständlichen Gründen ihre Anforderungen an die Auszubildenden nach oben geschraubt. Jetzt aber herrscht Mangel an geeigneten Bewerbern. Die Konsequenzen sind schon zu beobachten: Gerade kleinere Betriebe, die über längere Zeit niemand finden oder schlechte Erfahrungen machen, stellen ihre Ausbildungsbemühungen ein. Hier gilt: Sind die einmal verloren, bleiben sie für immer verloren. Ein Teufelskreis. Die Quote der ausbildenden Betriebe befindet sich im Sinkflug. Das ist eine ganz schlechte Nachricht. Auch hier zeigt sich, wie dringend wir einen Pakt zur Berufsausbildung benötigen. Das würde natürlich alles viel Geld kosten. Aber das System der dualen Berufsausbildung, für das wir weltweit so gelobt werden, ist existenziell bedroht.

Könnte ein Pakt schnell Abhilfe bringen?

Sell: Man muss ehrlich bleiben. Es ist eine sehr zähe Angelegenheit, das Verhalten der Menschen bei der Berufswahl zu verändern. Umso wichtiger wäre es gewesen, man hätte schon frühzeitig damit anfangen, diesen Entwicklungen gegenzusteuern. Es rächt sich jetzt, dass das Handwerk mit all seinen Möglichkeiten so lange in der Lebenswirklichkeit junger Leute keine Rolle gespielt hat – und immer noch nicht spielt.

Die Verbände und Kammern des Handwerks werden Ihnen jetzt entgegenhalten, dass sie Imagekampagnen gestartet haben.

Sell: Das ist lobenswert, aber hätte schon viel früher beginnen müssen. Und: Man darf nicht zu viel davon erwarten. Solche Kampagnen entfalten erst nach Jahren ihre Wirkung – wenn überhaupt.

Kann Zuwanderung, geregelt durch ein Einwanderungsgesetz, wie es die Arbeitgeberverbände fordern, das Problem lösen?

Sell: Ich bin da skeptisch. Man kann ja über Zuwanderung reden, aber dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass man diese Menschen zunächst qualifizieren muss. Auch das kostet Geld und Zeit. Quantitativ könnte man das Problem so vielleicht lösen, aber mit Sicherheit nicht qualitativ.

Sie verbreiten keinen Optimismus.

Sell: Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich bin Wissenschaftler und bewerte die Fakten. Alle Lösungsvorschläge sind defizitär und brauchen Zeit und Geld.

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