Brüssel/Aachen: Monsieur le Président freut sich auf Aachen

Brüssel/Aachen : Monsieur le Président freut sich auf Aachen

Monsieur le Président freut sich auf Aachen. Schließlich war er schon mal dort.

September 1978, damals hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt den französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard dEstaing in die Stadt Karls des Großen eingeladen.

Am Himmelfahrtstag kommt er nun wieder: als Präsident des Europäischen Konvents, um mit dem Karlspreis ausgezeichnet zu werden.

Als jüngst im Dezember direkt nach der Wahl im Karlspreisdirektorium dessen Sprecher, Professor Walter Eversheim, den Ausgeguckten daheim anrief, bekam er zur Antwort, dass der Monsieur gerade „à la chasse” wäre. Auf der Jagd also. Er hat ihn später erreicht, Monsieur war glücklich und zufrieden.

Als Eversheim am Donnerstag mit Aachens OB Dr. Jürgen Linden in Giscard dEstaings Brüsseler Amtssitz zur Audienz anrückt, gilt die Parole, dass der Präsident noch „sur le train” sitze. Auf dem Zug also.

Er kommt dann doch noch, leicht verspätet, weil auch auf französischen und belgischen Gleisen das Motto gilt: Hauptsache ankommen. In ausgesprochen aufgeräumter Stimmung können sich die Herren schließlich unterhalten.

Alle zufrieden: Giscard freut sich auf Aachen, die Aachener auch auf ihn - der 77-Jährige hat eben noch etwas zu verkaufen: ein junges, ein modernes, ein neues Europa.

Michel Vandoome scheint der Besuch aus Aix-la-Chapelle nur am Rande zu interessieren. „Ein bisschen viel Hektik”, knurrt der Mann, der etwas müde in der Durchreiche der Kopierstube hängt.

Im Brüsseler EU-Ratsgebäude, dem vorübergehenden Domizil des Europäischen Konvents, fällt die Delegation aus Aachen auf. Giscards Sprecher, der deutsche Diplomat Nikolaus Meyer-Landrut, führt die Karlspreis-Vertreter nebst begleitender Journaille in ein Besprechungszimmer.

Ein Schnellkurs in Sachen Konvent überbrückt die Wartezeit: Vor einem Jahr eingesetzt, 105 Mitglieder stark, ganz oben Monsieur le Président, um ihn herum ein 20-köpfiges Sekretariat. „Die Mission ist schwierig”, sagt Meyer-Landrut. „Ohne eine Persönlichkeit von solcher Statur wäre das Projekt zum Scheitern verurteilt.”

Bis Mitte Juni, so hat es der Europäische Rat gefordert, sollen Giscard& Co. den Entwurf einer neuen Europäischen Verfassung präsentieren, die die bisher geltenden Verträge von Maastricht, Amsterdam und Nizza überholt, das Konstrukt Europa begreifbarer macht.

Der Präsident hat den Anspruch an die eigene Arbeit so formuliert: „Wir brauchen einen Text, den auch die Jungen und Mädchen in den Schulen überall in Europa verstehen.”

Was darf die EU? Was nicht? Wo ist der Nationalstaat heilig? Und wo beginnen und enden wessen Kompetenzen? Die Ziele sind definiert: weniger Bürokratie, weniger Verträge, Protokolle und Ausnahmeregelungen, die Suche nach dem Europa der Bürger.

Wenn Giscard nach Aachen kommt, wird ein großer Teil der Arbeit hinter ihm liegen, dann wird beraten und debattiert, die heiße Phase läuft dann. Und nicht nur Meyer-Landrut schwant, wo die Knackpunkte liegen könnten: im Machtkampf einzelner Institutionen und Personen.

Ein Thema, das aber nun nicht mehr vertieft werden kann, weil des Verspäteten Ankunft gemeldet wird. Vorbei an Michel Vandoomes Kopiershop zieht die Delegation nun in das Vorzimmer des Präsidenten.

Kameras liegen im Anschlag, die Quartz-Uhr mit dem Europa-Signet zeigt 11.49 Uhr, Eversheim schnipst Linden noch eine Fluse vom Revers: Giscard dEstaing erscheint.

Der freundliche ältere Herr, Aristokrat durch und durch, grüßt in die Runde. Dass er den Karlspreis erhält, macht ihn sichtlich stolz. „Ein Höhepunkt meines politischen Lebens”, sagt er. „Der Karlspreis ist die wichtigste Auszeichnung Europas.”

Er spricht von den Impulsen, die er der europäischen Idee geben will. Bei aller Kritik an seinem klaren präsidialen Stil und seiner strikt ordnenden Hand: dank seiner ehrgeizigen Arbeit wurde noch nie offener und öffentlicher über Europa geredet.

Und das will er nun auch in Aachen tun. Bereits am Vorabend der Verleihung wird der Konventspräsident erwartet. „Dass Helmut Schmidt kommen und Johannes Rau die Laudatio halten wird, freut ihn sehr”, berichtet Linden später aus dem Gespräch hinter verschlossenen Türen.

Das Rahmenprogramm für den Besuch ist abgestimmt worden, auch die Gästeliste. Offen sind noch die Musikwünsche des Hauptakteurs. Parfait, Giscard weiß nun um die Abläufe einer Karlspreisverleihung.

Michel Vandoome wird am 29. Mai nicht im Gefolge des Präsidenten sein. Er schaut dem Gefolge der Karlspreis-Direktoren nach: „Encore des questions?” Noch offene Fragen? Ja, eine des Präsidenten muss OB Linden dem Dompropst übermitteln: Wie viele Überreste des karolingischen Karls denn noch im Dom ruhen? Antwort folgt, spätestens im Mai in Aachen.