Aachen: Mit Schlosser Nobbi kriegt der AKV die Kurve

Aachen : Mit Schlosser Nobbi kriegt der AKV die Kurve

Berg- und Talfahrt für den Aachener Karnevalsverein (AKV) und sein Publikum: Der 53. Ritter des Ordens „Wider den tierischen Ernst”, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, rechnete im Öcher Narrenkäfig messerscharf analysierend mit der Politik und seinen Wirtschaftskollegen ab.

Die Story, die die parallel zur Ordensverleihung stattfindende Premiere eines Autorennens auf der Öcher Piste „Monte Carolus” erzählen sollte, kam nicht richtig auf Touren.

Allerdings retteten zwei gute Moderatoren, eine opulente Bühnenshow und Ausstattung, flotte Musik und Choreographie sowie ein phantastisch aufgelegter Schlosser Nobbi Blüm einen positiven Gesamteindruck über die Ziellinie.

Natürlich Nobbi. Als der kleine knubbelige Mann in der Monteurskluft fertig ist, springt das Saalpublikum begeistert auf. Den stotternden Regierungsmotor hat der Schlosser auf die Bühne geschoben.

Und wenn es was zu reparieren und analysieren gibt, packt Ex-Arbeitsminister Blüm sein verbales Feinjustierwerkzeug aus. Da punktet einer am Rande des Rennzirkus - mit dem Blick von unten auf die da oben.

Der Ersatzteilwechsler, den sie heute Replacement-Transferist nennen, bringt in bester Narrenmanier Wahrheiten unters Volk, setzt Nadelstiche für alle: Warum es in diesem Land mehr Autos als Kinder gibt, fragt er - wo doch auch Autos gepflegt werden müssen und Krach machen.

Oder die Geschichte mit dem Klaps auf den Po der Liebsten am Morgen, wenn er zur Arbeit geht. Und die Freude darüber, dass der Allerwerteste immer noch schwingt, wenn er heim kommt: „Nicht weil der Schlag so hart war, sondern weil bei uns die Arbeitszeiten so kurz sind.”

Blüm ist witzig ohne verletzend zu sein, er spießt die Gesundheitspolitik auf, bei der der kleine Mann am Ende nach einem Gang durch viele Instanzen auf der Straße steht: unbehandelt.

Ein Feuerwerk der Pointen, zuguterletzt das hohe Lied auf das Handwerk: „Die Schwielen auf den Händen sind mit Sicherheit so viel wert wie der Doktortitel auf der Visitenkarte.” Der Geselle macht sein Meisterstück!

Ansonsten? Dirk von Pezold ist klasse. Zum Abschied als AKV-Präsident moderiert er lockerer denn je, sehr elegant, ein Entertainer feinster Provenienz sagt mit einer Liebeserklärung an seine Stadt „Adie da”.

Nach sechs Jahren an der Spitze des Vereins, den er zurück in die Champions League des Karnevals geführt hat, geht er zu Frank Sinatras Musik: auf dem Höhepunkt seines Bühnenschaffens. Viele Tränen der Rührung.

Gemeinsam mit AKV-Geschäftsführer Christian „Muratti” Mourad, der als Co-Moderator einen souveränen Einstieg findet und wohl für die nächsten Jahre an dieser Stelle gesetzt ist, kurvt von Pezold über einen schwierigen Parcours.

Liegt es an der Länge des Saalprogramms, das mit einer satten Stunde Verzug endet? „Jede Menge Schnittmaterial”, sagen die Fernsehleute anschließend und zeigen sich zuversichtlich, eine gute Show ausstrahlen zu können.

Im Eurogress selbst darf man den Eindruck gewinnen, dass diesmal in der Tat das Hauptziel der Veranstaltung die telegene Aufbereitung für den Abend danach ist. Ein zumindest überdenkenswerter Ansatz.

Und der Ritter? Stolz kommt er daher, der Porsche-Chef. Weißer Anzug, längst gestreift, mit Borsolino, dicker Zigarre und Aktenmappe stolziert er in den Käfig, die Persiflage auf den Wirtschaftsboss?

Am Rednerpult ist der Vorstandsvorsitzende ausgesprochen authentisch. Zuerst gefällig und zahm dichtend, sehr bald aber deutlich verdichtend, gerät Wiedekings Ritterrede zur ernsten Abrechnung mit Regierung und den Kollegen in der Wirtschaft.

Da analysiert der Macher knallhart. Ein Mann geht seinen Weg, geradeaus, im Saal zündet manch bissiger, fraglos auch berechtigter Dampfhammer etwas verspätet. So unverblümt hat man hier noch keinen Redner erlebt.

Über Schröders Kurs: „Keine Firma macht auch nur annähernd Gewinne, wenn die einzige Konstante der ständige Richtungswechsel ist.” Über das Individualinteresse, das das Gemeininteresse schrumpfen lässt: „Kleinanleger wurden geradezu schamlos zum Casinokapitalismus verführt.”

Bisweilen fühlt man sich in die Aktionärsversammlung der Porsche AG versetzt, wo der Chef Tacheles redet. Dienstwagensteuer, Joschka Fischers Gefühl beim 50-jährigen Porsche-Jubiläum „ein Atheist im Vatikan” zu sein, am Ende mündet der Vortrag fast handzahm im Reim: „Was ich will, ist motivieren, hab genug vom Lamentieren. Packt mit an und stoßt ins Horn, dann stehen wir morgen wieder vorn.” Von Pezold würdigt Wiedeking als einen, der anpackt.

Der AKV bringt Fastelovvend aus Aachen ins weite Lande, ist erneut ein glänzender Werbeträger für Stadt und Region. Das gelingt an diesem Abend perfekt, wenn Öcher Akteure wie die Domspatzen und die Originale karnevalistisch abrocken

Ebensolch feine Punktlandungen schaffen die Choreographien von Marga Render und Markus Wolters, die dem Abend einen reizvollen Rahmen geben.

Das Showballett Birgit Müller, Guido Hoß als Wackel-Elvis, der singende swingende Elferrat, die zuckersüßen Kinder von der KG Eulenspiegel, Prinz Marcus I. und seine Mannen, der Alemannia-Rocker Jupp Ebert, Josef, Jupp und Jüppchen und auch der an diesem Abend vom Publikum ignorierte Strunx-Moderator Manni Hammers sind sympathische Öcher Grüße ins schunkelnde TV-Land.

Verpackt haben das Ganze die Drehbuchschreiber Christian Mourad und Claus Schmitz im sehenswerten Kostüm- und Szenenbild von Lisa Borgert und Heinz Raddatz. Der Ansatz ist glänzend, die Story erzählt sich aber nicht zu Ende, weil zu viele - wohl aus Veranstaltersicht unverzichtbare - Elemente das ideenreiche Rennpisten-Konzept ausbremsen.

Man hätte sich beispielsweise mehr Pepp in den übrigen Reden gewünscht. Dröger Smalltalk mitunter über eine Politik, die schon lange keinen mehr zum Lachen reizt.

Die debütierende Heide Simonis an der Seite von Ex-Möllemann-Partner Armin Halle hat den schwierigen Part der Eisbrecherin. Die Witze zünden spärlich, wenngleich die Idee mit dem Fahrschul-Gespräch ebenso viele Möglichkeiten bietet wie der Kollisionskurs, in den die resolute Bundesfamilienministerin Renate Schmidt mit dem radebrechenden Stoiber-Double Michael Lerchenberg gerät. Sie wiederum hat als Regierungsmitglied an diesem Abend vor diesem Publikum kein Heimspiel.

Laudator und Vorjahresritter Thomas Borer schießt später als Paparazzo ein paar Promis ab. Immer mit der sympathischen Selbstironie: „Ritter zu sein ist etwas Wunderbares. Ich wünsche dem Wiedeking, dass es ihm nicht so schlecht geht wie dem letzten Ritter. Sonst ist Wiedeking Ende des Jahres bei Porsche bestenfalls noch Nachtwächter.”

Konfetti und gute Laune zum Schluss, bunte Bilder aus Aachen.