Leserbriefe zum Thema Kirche: Mit Gott, ohne Gott und das ungewollte Wissen

Leserbriefe zum Thema Kirche : Mit Gott, ohne Gott und das ungewollte Wissen

Die Themen Glaube und Kirche beschäftigt weiter unsere Leser. Erneut erreichten unsere Redaktion etliche Leserzuschriften rund um Kirchenaustritte, Reformprozesse und Mitbestimmung im Bistum.

Josef Blum aus Obermaubach hat sich Gedanken gemacht zur Spezial-Seite „Wie ist denn das Echo, Herr Generalvikar?“, ein Interview mit Andreas Frick, der die Vorwürfe gegen den „Heute bei dir“-Prozess zurückweist:

Laut dem Anreißer auf der Titelseite befinden sich Kritiker des Veränderungsprozesses der Kirche im Bistum Aachen auf einem Irrweg und sind weder demokratisch noch kirchlich noch synodal.

Im Interview fand ich dann ein Frage- und Antwortspiel, bei dem ich den Eindruck hatte, dass der Generalvikar dem Interviewer die Fragen vorab diktiert hatte, auf die er antworten wollte. Gehorsam, wie eingefordert, vermied der Interviewer nämlich mögliche Kritik.

Hervorgehoben wurde die Aussage des Generalvikars „Wir müssen uns von der klassischen Vorstellung lösen, die das Stadtviertel, das Dorf oder den Kirchturm als einzige Bezugsgröße versteht.“ Darauf hätte der Interviewer erstens antworten müssen, dass das ja in keiner Pfarrei je die einzige Bezugsgröße gewesen sei und die Weltkirche dort immer mitgedacht wurde. Zweitens hätte er auf Folgendes hinweisen müssen: Jesus forderte beim Abendmahl den überschaubaren Kreis der Zwölf auf, seiner und seiner Botschaft bei zukünftigen Mahlfeiern zu gedenken. Die Stadtviertel und Dörfer waren da schon eine, wenn auch noch überschaubare Erweiterung. Jedoch kannte man dort noch sehr viele Menschen, mit denen man im alltäglichen Umgang zu tun hatte, so dass man sich gehalten fühlte, in Konfliktfällen jesuanisch miteinander umzugehen. Stattdessen werden nun zentrale Eucharistieorte eingerichtet, in denen man anonym wie in Omnibussen beziehungslos nebeneinandersitzt, steht oder kniet. Das jedoch wäre nicht nötig, wenn man nicht 50 Prozent der Menschen von der Leitung von Eucharistiefeiern ausschlösse. Dass Frauen nur Objekte in der Kirche sind, hat eine lange Vorgeschichte.

Da sind die Gesetze sehr vieler säkulärer Staaten mit ihrer Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen jesuanischer als die Gesetze der nur von Männern beherrschten römischen Kirche.

Hans-Jürgen Ferdinand aus Aachen beschäftigt sich auch mit dem Interview „Wie ist denn das Echo, Herr Generalvikar?“:

Bischof Dieser und Generalvikar Frick kämpfen mit dem Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir“ um verlorengegangenes Terrain in der katholischen Anhängerschaft.

Welch eine Fülle von Machtarroganz und Machtmissbrauch in der Geschichte der katholischen Kirche schlägt ihnen entgegen: Intoleranz und Grausamkeit gegenüber Abweichlern, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerausrottung, Hexenwahn, Unterdrückung der Sexualität und Missachtung der Frau ... Und als unbestrittene Wahrheit: Päpste, die jahrhundertelang an der Spitze eines Mord- und Raubsystems gestanden haben. Der Weg des Papsttums mit seinen Bischöfen, Priestern und willfährigen Helfern ist bis heute ein Weg des Grauens und Entsetzens. Sinnigerweise wähnt sich die katholische Kirche anmaßend als die einzig wahre (!) Religionsgemeinschaft auf Erden, auch noch mit Hilfe des „Heiligen Geistes“ im Besitz der alleinigen (!) Wahrheit bei gewissen Glaubensdogmen. Das hält aber selbst in einem aufgeklärten Zeitalter die Politik, die Wissenschaft und leider auch den Journalismus nicht davon ab, eine solche verbrecherische Institution zu alimentieren und zu legitimieren – oder gar als „christliche Leitkultur“ auszurufen. Ein klarer Verfassungsbruch, denn der Staat darf niemanden aufgrund seiner religiösen oder nicht religiösen Überzeugung bevorzugen oder benachteiligen.

Hilde-Marie Bergrath aus Würselen geht auf die Rubrik „Leute“ zum goldenen Priesterjubiläum des ehemaligen Aachener Dompropst Manfred von Holtum:

Wie schön, dass der Aachener Dom mit Gottesdienstteilnehmern trotz Corona gut besucht war, galt es doch um 10 Uhr in der Feier der Heiligen Eucharistie unseres langjährigen Generalvikars und Dompropstes Manfred von Holtum zu gedenken, der in diesem Gottesdienst für 50 Jahre Priestersein Gott und den Menschen, die ihn auf seinem Lebens‑ und Priesterweg begleitet haben, Dank abstattete. Umso enttäuschter war ich über die Absenz unseres Diözesanbischofs Helmut Dieser sowie seines Generalvikars Andreas Frick wie auch über die Nichtanwesenheit von Mitgliedern des Domkapitels. Nur unser vormaliger Diözesanbischof Dr. Heinrich Mussinghoff sowie Weihbischof em. Dr. Gerd Dicke und einige Priester, die ihren Platz im Chorgestühl eingenommen hatten, nahmen an diesem Dankgottesdienst teil. Die Nichtteilnahme der Führungsspitze unseres Bistums an diesem Dankgottesdienst ist aus meiner Sicht nicht nur beschämend; nein, sie ist Ausdruck eines miserablen Umgangsstils mit Manfred von Holtum, der sich um unser Bistum in vielerlei Hinsicht, bei allem Pro und Kontra, verdient gemacht hat. Ihn an seinem 50-jährigen Weihetag mit Nichtbeachtung abzuwatschen, lässt tief in das Gebaren rund um die Aachener Kathedralkirche blicken! Gewiss war es für den Jubilar eine Genugtuung, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Bischof von Limburg, Dr. Georg Bätzing, für ihn Worte des Dankes und der Anerkennung fand.

Sein am Schluss des Gottesdienstes vorgetragener Brief tat Manfred von Holtum sichtlich gut.

Franz Malmen aus Merzenich merkt zum Text „Das christliche Milieu schwindet“ zum Thema Kirchenaustritte an:

Der Zeitgeist hat sich massiv verändert, da die Generation, die den Krieg erlebt hat und in diesen dramatischen Zeiten sich der Kirche als einzig mögliche Zuflucht zugewendet hat, größtenteils nicht mehr lebt. Die Nachkriegsgenerationen beobachten die Kirche sehr genau, Misstrauen durch Sexualskandale, Finanzskandale und die starre Haltung (Zölibat) sowie lebensfremde Dogmen (Heiratsverbot, keine gemeinsame Kommunion) akzeptieren sie nicht mehr. Die Kirche mischt sich in weltliche Themen ein, die der Politik vorbehalten sein müssen. Die Kirche findet heute nur noch bei der Taufe und Kommunion/Konfirmation, Firmung noch Zuspruch, weil man den Kindern das nicht vorenthalten will. Die Lehre von der Keuschheit und dem Zölibat ist die Quelle abartiger sexueller Übergriffe von Teilen des Klerus gegenüber Kindern in deren Obhut. Schlimmer geht es nicht mehr! Erst nach massivem Druck bemüht sich die Kirche um Transparenz und Bestrafung und auch Schadenswiedergutmachung gegenüber den Betroffenen. Weiterhin finden immer wieder neue Finanzskandale den Weg in die Öffentlichkeit. Was kann und muss die Kirche ändern, um die Flucht aus der Kirche zu stoppen? Modern aufgestellte jüngere Päpste und Kardinäle (keiner mehr über 60 bei der Wahl). Moderne Formen der Messen mit Einbindung der Messebesucher mit Bibeltexten und Liedern, die in die heutige Zeit passen, Gleichnisse zeitaktuell aufstellen, bessere Einbindung der Kinder in die Abläufe von Messen. Abschaffung des Zölibats. Völlige Öffnung für Laienarbeit. Volle Toleranz für Mischehen mit gemeinsamer Kommunion. Veräußerung von zu großem Immobilienbesitz (Finanzhoheit an externe Consulter abgeben, volle Transparenz). Reduzierung der Kirchensteuer oder Kirchensteuer auf freiwilliger Basis. Keine Einmischung bei weltlichen Themen.

Klaus Versin aus Herzogenrath meldet sich zum Bericht „Zähes Ringen um mehr Demokratie“ zu Wort:

„Allseits ist man sich einig, dass die katholische Kirche fundamental verändert werden muss.“ Aha. Verstehe ich nicht. Wenn ich es aber richtig verstehe, dann beruft sich die katholische Kirche mit einem in gewissen Fällen unfehlbaren Oberhaupt auf Worte und Gebote des Gottes Jehova beziehungsweise Zebaoth. Dieser Gott war ja nun wahrlich kein Verfechter der Demokratie, sondern beharrte auf blindem Gehorsam und Unterwerfung. Der große Apologet Paulus, der die Grundlagen für die Kirche legte, hat immer sehr deutlich gesagt, was er etwa von Frauen hielt – nämlich gar nichts. Nun passt das alles natürlich nicht in unsere Zeit, und eine Organisation, die solche Werte vertritt, sollte keine Macht in unserem Lande besitzen. Nun will man also trotzdem gern ein bisschen demokratisch werden, denn all die Macht, vor allem die wirtschaftliche, aber auch die als moralische Instanz, möchte man gern behalten. Wenn sich die Kirche aber nicht mehr auf die Worte ihres Gottes berufen kann, was bleibt dann? Ein Unternehmen. Gut und schön, aber dann sollte man die Kirche auch als solche behandeln und ihr die Privilegien nehmen, die sie immer wieder in die Position bringt, dass sie bessergestellt ist als etwaige Konkurrenten. Warum bezahlen wir aus Steuermitteln (keine Kirchensteuern!) die hohen Gehälter von Bischöfen? Warum muss die Kirche sich nicht an das Arbeitsrecht halten? Beispiele gäbe es sehr viel mehr. Ich erwarte von der Gesetzgebung, dass man endlich objektiv auf dieses Unwesen schaut und handelt. Und ich wünsche mir von der Presse, dass sie nicht blind die Einstellung weitertreibt, dass die Organisation „Kirche“ auf jeden Fall erhaltenswert ist. Brauchen wir eine moralische Instanz, die sich auf jahrtausendalte Überlieferungen stützt?

Wilhelm Müller aus Würselen reagiert auf die Leserbriefe unter dem Titel „Offene und verschlossene Türen im Hause Gottes“ und das davor veröffentlichte Opus-Dei-Interview „Dan Brown verzerrt uns“ mit dessen Regionalvikar Christoph Bockamp:

Was ein harmloses Interview mit einem Vertreter des Opus Dei bewirkt! Zur Opus-Dei-Kritik von Dieter Spoo aus Aachen möchte ich anmerken: Seit August 2012 bis Oktober 2015 war ich oftmals Gast bei den wöchentlichen Besinnungsabenden beim Opus Dei Aachen. Ich wurde herzlich aufgenommen. Bei Gottesdiensten und Vorträgen wurde mein religiöses Leben bereichert. Ich kam Gott näher. Es gab weder Zwang noch Druck von irgendjemandem und für irgendetwas. Als ich mich nach knapp drei Jahren verabschiedete, wurde das sehr bedauert, aber in keinster Weise erlebte ich irgendwelche Drohungen, geschweige denn Schikane. Kein einziger Teilnehmer fühlte sich in den „Fängen“ von Opus Dei. Ich verstehe nicht, warum in der Presse immer das Wort „umstritten“ bei Opus Dei erwähnt wird.

Wer sucht bei Ihnen die Leserbriefe aus? Die ganze Leserbriefseite trieft nur so von Kritik und Unterstellungen von Christen über andere Christen. (Anm. d. Red.: Wir können natürlich nur das veröffentlichen, was uns zugeschickt wird. Bei dieser Leserbriefseite lagen keine anderslautenden Meinungen vor.) Da werden wertorientierte Priester und Bischöfe negativ be- und verurteilt. Gut bezahlte Theologen, Religionslehrer, wortgewandte Redakteure als Religionsexperten und sogenannte Laienvertreter kommen verstärkt in der Presse vor, wenn sie beißende Kritik üben. Sind das die besseren Christen? Wo bleibt da die Freude am Glauben? Ich ärgere mich immer wieder, wenn von islamischer Seite zu hören und lesen ist: Christen sind Ungläubige. Aber so langsam kann ich sie verstehen, wenn ich das Bild des Verdunstens und Abbauens der christlichen Werte betrachte, das wir bieten. Haben wir Christen bei unseren ganzen Diskussionen und Veränderungsbestrebungen Gott vergessen?

Herbert Schaber aus Aachen betont angesichts des Artikels „Das christliche Milieu schwindet“:

Es verwundert, dass die vielen Kirchenaustritte die Amtskirche noch schocken.

Seit Jahren ist diese Entwicklung bekannt, aber viel zu wenig hat sich die Amtskirche selbstkritisch hinterfragt, was die wahren Gründe für die Kirchenaustritte sind. Da kamen in den vergangenen Jahren die Missbrauchsfälle, der Limburger Skandal und jetzt aktuell das Coronavirus gerade recht, und wenn gar nichts mehr hilft, ist die gottlose Gesellschaft schuld. Das ist ja viel einfacher, als sich selbst zu hinterfragen, die Situation kreativ und innovativ zu verändern. Seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland etwa drei Millionen Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Heute höre ich immer noch, das sei doch nicht so dramatisch, es gäbe doch noch genügend Katholiken – so kann man sich die Welt auch schönreden. Zu den möglichen Motiven der stark gestiegenen Zahl der Kirchenaustritte gibt es – so traurig es klingt – keine konkreten statistischen Erkenntnisse. Vielleicht will es die Amtskirche auch gar nicht so genau wissen, weil man sich dann entsprechend ändern müsste.

Ein wesentlicher Grund für Kirchenaustritte ist eine Entfremdung der Christen von der Kirche und einer Glaubwürdigkeitskrise der Kirche selbst. Entscheidend ist zudem auch das Erscheinungsbild der Kirche. Besonders die Sexualmoral wird nicht mehr als zeitgemäß empfunden, aber auch das Frauenbild der Kirche und ihre Haltung zu Homosexualität, wiederverheirateten Geschiedenen und dem Zölibat.

Die Kirche muss sich weiter hinterfragen, ob sie mit der richtigen Sprache die Menschen noch erreicht. Die Kirchensteuer ist meist nur der letzte Baustein einer Entfremdung von der Kirche; der Kirchenaustritt als endgültiger Schritt ist das Ergebnis einer langen und nicht leichten Entscheidung als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Institution Kirche.

Jürgen Grewe, alt-katholischer Pfarrer im Ruhestand aus Aachen, äußert sich ebenfalls zu den Berichten über Kirchenaustritte:

Sie werden sich vielleicht wundern. Aber als überzeugter Christ freue ich mich über die vielen Kirchenaustritte. Nicht, weil ich den Kirchen damit Böses will, im Gegenteil, weil ich glaube, dass den Kirchen nichts Besseres passieren kann. Denn ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen, die sich abmelden, dies nicht deshalb tun, weil sie den Zustand der Kirchen kritisieren, sondern weil sie schon lange den inneren Kontakt zu den Kirchen verloren haben und jetzt endlich für sich persönlich die Konsequenzen daraus ziehen. Es gibt zwar auch die anderen, die gerne in ihrer Kirche bleiben würden, wenn die Zustände mehr in ihrem Sinne wären.

Um diese Menschen tut es mir leid, dass sie keinen anderen Ausweg finden. Aber ich bin überzeugt, dass dies bei weitem die geringere Anzahl ist. Die Mehrzahl dürften Menschen sein, die irgendwann getauft wurden, aber als Erwachsene nie den Kontakt zur Kirche gefunden haben. Ihre Austritte begrüße ich. Hintergrund ist, dass man zu einer christlichen Kirche gehören kann, ohne jemals als Erwachsener freiwillig der Mitglied­schaft zugestimmt zu haben. Die bisherige Praxis der Kirchen ist das Gegenteil dessen, was Jesus wollte. Ihm war wichtig, dass die Menschen, als Erwachsene, ihm aktiv und aus eigener Wahl folgten. Deshalb ist es sicher in Jesu Sinn, wenn all die Menschen endlich die Kirchen verlassen, die nur äußerlich, auf dem Papier, Mitglieder waren, innerlich aber nie dazugehört haben oder sich schon lange nicht mehr für das interessieren, was der Sinn der Kirchen ist. Die große Austrittswelle ist also eine Befreiungsaktion: für die Menschen, die austreten, dass sie sich nicht länger von Kirchen vereinnahmt fühlen; aber auch für die Kirchen selbst, denn sie entwickeln sich so allmählich zu dem, was sie sein sollten: Entscheidungsgemeinschaften.

Friedhelm Lynen von Berg aus Aachen konstatiert:

Wenn der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki aus Anlass des 35. Jahrestages seiner Priesterweihe in einem Interview bemängelt, es sei traurig, dass sich heute in Deutschland nur wenige junge Männer für den Beruf begeistern, so ist der Grund hierfür doch schnell gefunden: Kaum jemand wie Woel­ki und seine Getreuen haben die Zeichen der Zeit erkannt und halten am Zölibat fest. Mit solchen Männern an der Spitze ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Kirche sich selbst abgeschafft hat. Missbrauchsskandale und die Verweigerung, Frauen gleichwertig in Kirchenämtern zuzulassen, tun ihr Übriges!