Kommentar zum Hiroshima-Gedenken: Zwei Minuten vor zwölf

Kommentar zum Hiroshima-Gedenken : Zwei Minuten vor zwölf

Hiroshima-Tag: Am Dienstag gedachte Japan der hunderttausenden Opfer des ersten Atombombenabwurfs. Wie jedes Jahr am 6. August. Wir in Europa nehmen die Mahnfeier inzwischen oft nur noch als ein in die Vergangenheit weisendes Ritual wahr. Das ist fahrlässig. Und ignorant.

Denn die Gefahr eines verheerenden nuklearen Krieges ist heute so groß wie schon lange nicht mehr. Seit dem vergangenen Jahr stehen die Zeiger der „Doomsday Clock“ auf zwei Minuten vor zwölf. Ähnlich hoch schätzten US-Wissenschaftler das Risiko eines atomaren Weltbrandes zuletzt 1953 ein.

Mit dem formalen Ende des INF-Vertrages, der über Jahrzehnte landgestützte Raketen und Marschflugkörper mit mittlerer Reichweite aus Europa verbannt hat, dürfte am vergangenen Freitag der Sekundenzeiger auf der Weltuntergangs-Uhr nochmals ein Stück vorgerückt sein.

Erschreckend ist, mit welcher Ungerührtheit die USA und Russland dieses Meisterwerk der Abrüstungspolitik zerstört haben. Beide Seiten scheinen nur noch in Kategorien militärischer Stärke zu denken. Beide Seiten modernisieren inzwischen mit Milliarden-Beträgen ihre Nuklearstreitmacht. Beide Seiten planen neue Waffensysteme, die sicherlich irgendwann auch in Europa stationiert werden sollen.

Verstörende Ruhe

Erschreckend ist aber auch, mit welcher Beiläufigkeit die Öffentlichkeit das neue Wettrüsten registriert. Gut: Einige Politiker zeigen sich besorgt. Ein paar Sicherheitsexperten warnen. Tapfer protestieren auch die wenigen verbliebenen und zumeist in Ehren ergrauten Friedensaktivisten. Aber die Aufregung ist überschaubar und meist nach kurzer Zeit bereits verflogen.

Unsere Gesellschaft wird zwar oft als hysterisch beschrieben. Viele echauffieren sich selbst über den sprichwörtlich umgefallenen Reissack. Doch ausgerechnet im Angesicht der existenziellen nuklearen Bedrohung bleibt es verstörend ruhig. Anders als in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern ist von einem  Ruck, der durch unsere Gesellschaft geht, kaum etwas zu spüren. Massenproteste gegen die Aufrüstung sind nicht in Sicht.

Woran das liegt? Vielleicht ist nach der langen Friedensperiode in Mitteleuropa das Gespür für Kriegsgefahren verlorengegangen. Vielleicht sind sich gerade junge Leute nicht mehr bewusst, dass der Frieden keineswegs selbstverständlich, sondern fragil und in jüngerer Vergangenheit immer brüchiger geworden ist. Vielleicht wird aber auch im ständig um Aufmerksamkeit buhlenden politischen Diskurs zu wenig differenziert. Wer sich als Bürger fast jeden Tag mit einer neuen vermeintlichen Gefahr und Katastrophe konfrontiert sieht, verliert schnell den Blick für die tatsächlichen Gefahren und Katastrophen.

Zu wenig Druck

Der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry hat etwas sehr Kluges gesagt. Nüchtern bemerkte er, dass heute die Regierungen nicht genügend Druck von ihren Bürgern bekämen, um sich für atomare Abrüstung einzusetzen. Genau deshalb brauchen wir eine neue, kraftvolle Friedensbewegung. Und genau deshalb darf das Hiroshima-Gedenken nicht nur ein trauernder Blick in die Historie sein, sondern muss als ein Aufruf zum Engagement verstanden werden.

Denn eines steht fest: Sollte es zu einem großen, möglicherweise atomar geführten Krieg kommen, wird das Inferno, das die japanische Stadt am Dienstag vor 74 Jahren erlebt hat, zur kleineren Fußnote einer Menschheitskatastrophe ganz neuen Ausmaßes schrumpfen.

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