Kommentar zur Verantwortung von Medien: Was Journalismus darf

Kommentar zur Verantwortung von Medien : Was Journalismus darf

Ein Mann betritt eine Moschee, schießt gezielt dutzende Menschen nieder und überträgt das Geschehen live im Internet. Sein Hauptanliegen: Möglichst viele Medien mögen sich an der Verbreitung beteiligen.

In der Folge des Amoklaufs von Christchurch, bei dem 50 Menschen ums Leben gekommen sind, ist eine Debatte darüber entbrannt, wie Medien über ein solches Ereignis berichten. Diese Debatte ist nicht neu, sie wird immer wieder geführt, ohne dabei neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern. Was darf Journalismus? Was darf er nicht? Was muss Journalismus? Was muss er nicht?

Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, Dinge unter der Decke zu halten. Es ist die Aufgabe von Journalisten, möglichst viel über die Hintergründe solcher Taten in Erfahrung zu bringen, über den Täter, seine Motive, den Tathergang und über die Opfer. Nicht zu berichten, ist keine Alternative. Entscheidend ist die Frage, wie berichtet wird. Auf diese Frage müssen auch wir eine Antwort finden. Wir behaupten nicht, dass unsere Antwort immer die richtige ist. Was wir jedoch behaupten, ist, dass wir verantwortlich abwägen, dass wir nicht vorschnell handeln, sondern überlegt, auf der Grundlage eines Meinungsbildungsprozesses in der Redaktion.

So wichtig diese Abwägung auch ist – völlig ergebnisoffen ist sie nicht. Die Grundrichtung unserer Berichterstattung steht immer fest, sie ist nicht verhandelbar und orientiert sich an jenen publizistischen Grundsetzen, die der Deutsche Presserat in seinem Pressekodex festgelegt hat. Dort heißt es in der Richtlinie 11: „Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen.“ Was darf Journalismus? Was darf er nicht? Die Antwort gibt der Pressekodex. Ihm fühlen wir uns verpflichtet.

Bei anderen ist das offensichtlich anders. Zum Beispiel bei der „Bild“-Zeitung, die nicht nur Teile des Christchurch-Videos veröffentlichte, sondern auch Standbilder samt detailreicher Beschreibung von dem, was der Täter innerhalb der Moschee anrichtete. Zahlreiche Beschwerden liegen inzwischen beim Deutschen Presserat gegen diese Art der Berichterstattung vor. „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, der sich und sein Blatt seit geraumer Zeit zum Medienwächter aufschwingt, hat die Vorwürfe in der ihm eigenen Art und Weise an sich abprallen lassen. Die Beschwerden beim Presserat werden wohl zu einer Rüge führen. Reichelt wird das nicht jucken, Rügen sind einkalkuliert, sie sind Teil des Systems. Seit Reichelt am Ruder ist, steht die „Bild“-Zeitung wieder mehr für Unsachlichkeit, Polemik und Panikmache. Wo bleibt eigentlich der öffentliche Aufschrei dagegen? Warum begehrt die Medienbranche nicht auf? Weil Journalisten nicht andere Journalisten kritisieren dürfen? Blödsinn!

Man sollte die Qualität der Selbstkritik nicht unterschätzen. Was man tut, infrage zu stellen, kann niemals falsch sein. So müssen wir uns in der Redaktion die Frage gefallen lassen, warum uns ein Waldbrand an der amerikanischen Westküste, bei dem (was schlimm genug ist) einige Menschen ums Leben kommen, mehr Textzeilen und Fotos wert ist, als ein verheerender Wirbelsturm, wie er vor Tagen über Mosambik und Simbabwe fegte und in dessen Folge mehr als 250 Menschen starben und mehr als eine halbe Million obdachlos wurden. Die Antwort ist erschreckend: Der Promiort Malibu ist uns näher als Beira in Mosambik, jene Stadt, von der der Verfasser dieser Zeilen bislang nicht wusste, dass es die zweitgrößte Stadt in dem afrikanischen Land ist. Das nicht zu wissen, ist nicht schlimm. Schlimm ist nur, dass die Größe der Berichterstattung so sehr von der geographischen Lage abhängt.

Immerhin greift die Erkenntnis. Ob sie von Dauer ist, wird sich zeigen.

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