Kommentar zur Pressefreiheit: Was es zu feiern gilt

Kommentar zur Pressefreiheit : Was es zu feiern gilt

In der Türkei sitzen 70 Journalisten in Haft – mindestens. In Mexiko bezahlten im vergangenen Jahr zehn Journalisten ihren Job mit dem Leben. In Österreich versuchen Politiker einer Regierungspartei unverhohlen, einen kritischen Interviewer kaltzustellen.

Zu den Regionen, die im Ranking der Pressefreiheit am stärksten abgerutscht sind, gehört Europa. Der Blick auf die Weltkarte der Pressefreiheit ist trostlos.

Einerseits.

Andererseits: Acht von zehn Bundesbürgern sehen in Desinformation eine Gefahr für die Demokratie. 70 Prozent glauben, schon einmal auf Falschinformationen im Internet gestoßen zu sein. Zugleich ebbt die „Lügenpresse“-Hysterie ab, Umfragen belegen ein wieder wachsendes Vertrauen in die Arbeit von Journalisten.
So widersprüchlich ist die Lage an einem Tag, an dem auch wir den Tag der Pressefreiheit feiern. Halt, gibt es da tatsächlich etwas zu feiern? Ja, gerade jetzt, da der Druck auf Medien und Journalisten weltweit wächst, wirtschaftlich wie politisch. Deutschland hat sich in der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ um zwei Plätze verbessert. Eine gute Nachricht.

Die subtile Gefahr

Kein Journalist muss befürchten, frühmorgens von Polizei aus dem Bett geklingelt zu werden oder nach dem Anruf aus einer Parteizentrale gefeuert zu werden. Die Bedrohung  hierzulande ist subtiler: Sie zeigt sich in der Flut der Online-Kommentare rechter Hetzer unter missliebigen Beiträgen, um Autoren einzuschüchtern; in der Tendenz von Parteien und  Konzernen, mit eigenen „Newsrooms“ und Video-Clips die Nachrichtenauswahl zu kapern; in der Aussicht, dass es bald Regionen gibt, in denen keine gedruckte Zeitung mehr erscheint und damit niemand mehr Kommunalpolitikern und Verwaltungsleuten auf die Finger sieht; im steigenden Arbeitsdruck vieler Redaktionen. Und, ja, auch in der Ahnungslos- und Haltungslosigkeit mancher Kollegen. Aber es gibt auch gegenteilige, ermutigende Signale: Recherche-Netzwerke decken in mühsamer Kleinarbeit Skandale auf, Sender und Medienhäuser fördern investigative Arbeit, herausragender Journalismus – dafür gibt es viele Beispiele – wird mit Preisen gewürdigt.

Sie machen weiter. Trotz allem.

All das sind Bedingungen, von denen Reporter, Redakteure und Blogger in anderen Ländern gefühlte Lichtjahre entfernt sind. Viele von ihnen riskieren Tag für Tag Kopf und Kragen, landen im Gefängnis, werden bedroht, geschlagen, gefoltert  – und machen unbeirrt weiter. Wenn es heute einen Grund zum Feiern gibt, dann ist es die Standhaftigkeit dieser Kolleginnen und Kollegen. Und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit jeder Bundesregierung, ihnen in ihrer Arbeit beizustehen. Und zwar nicht nur auf dem Weg der stillen Diplomatie. Sondern mit lauter Stimme. Die Pressefreiheit in China, Ägypten, Saudi-Arabien und anderswo wird auch bei uns verteidigt.

Mehr von Aachener Nachrichten