Warum sich die Jungen von der Union und der SPD abwenden

Kommentar zur Europawahl : Politik von gestern

Wie tickt so ein junger Mensch, ein Erstwähler? Man sieht die Szene förmlich vor sich, in der dieser Satz in dicken Buchstaben an einen Flipchart geschrieben wird.

Davor im Halbkreis versammelt: ältere Anzugträger, unter die sich vereinzelt ein paar Frauen und jüngere Männer verirrt haben, die allesamt angezogen sind wie alte Männer und sich auch so benehmen.

„Mehr Online-Experten, sofort!“, blafft barsch ein rundlicher Typ mit viel zu kurzer Krawatte. „Wie kann das nur sein, wie kann das nur sein!“, unterbricht ihn zeternd ein jüngerer Mann mit schütterem Haupthaar. „Unsere Kanzlerin war bereits ein gefeierter Youtube-Star, bevor dieser Rezo das Wort Internet überhaupt buchstabieren konnte!“ – „KLIMA! Schreibt dem Pöbel doch einfach mehr Klima-Prosa ins Programm!“, brummt ein anderer.

So oder ähnlich mag es sich abgespielt haben, als man gestern in der CDU-Zentrale der Realität ins Auge sehen musste, die da lautet: Für junge Menschen rangiert die Union ebenso wie die SPD nur noch unter „ferner liefen“. Wer am Sonntag zum ersten mal in seinem Leben an einer Wahl teilnahm, der wählte zu 36 Prozent grün. CDU und CSU kamen in dieser Altersgruppe nur noch auf 11, die Sozialdemokraten gar auf 7 Prozent – geschlagen selbst von der Satire-PARTEI mit
9 Prozent. So markiert diese Europawahl das endgültige Aus der Volkspartei klassischen Typs. Denn eine Partei, der die Jungen in Scharen davonlaufen, kann schwerlich für sich reklamieren, die Bevölkerung in Gänze zu repräsentieren.

Die Analyse

Schnell machten in der CDU erste Blitzanalysen und Schuldzuweisungen die Runde: Die Junge Union sei ebenso wie die „Werte-Union“ für einen Rechtsruck verantwortlich, der junge Menschen eher abgeschreckt habe, zitiert die „Welt“ aus einem Schreiben an die Mitglieder des Bundesvorstands. Ein interessanter Deutungsversuch, der ein paar wesentliche Details unterschlägt: Nicht nur die Jungen und Wertkonservativen in der Partei sind schuld an dem unbestreitbaren Rechtsruck – dafür ist in erster Linie die neue Vorsitzende selbst verantwortlich. Nach der liberalen Merkel-Ära sollte es endlich wieder konservativer zugehen. Den Schneid wollte man sich von der AfD nicht abkaufen lassen. Mit dem neuen Biedermeier wollte die CDU vor allem im Osten auf Stimmenfang gehen. Wer hätte auch ahnen können, dass das in einer jungen, aufgeklärten, westlichen und eher großstädtisch geprägten Gesellschaft Wähler vergrault?

Wer heute mit jungen Menschen spricht, der stellt schnell fest: Das gängige Links-Rechts-Schema, an dem sich Union wie SPD noch immer messen lassen, ist für diese erstaunlich politisierte Generation irrelevant. Jugendliche wollen authentische Politiker, keine dressierten Sprechblasenabsonderer. Sie machen Politik in erster Linie an Fakten fest. Und die sprechen nun mal nicht für diese große Koalition.

Die Fakten

Klimaschutz und Umwelt? Ist für die Union mehr noch als für die SPD ein Fremdwort. Umdeutungsversuche sind geradezu lächerlich. Diese Regierung vertritt in erster Linie die Interessen der Großkonzerne und Lobbyisten – in den Bereichen Energie, Verkehr oder Landwirtschaft. Wer es ganz okay findet, Wölfe abzuknallen, Küken zu schreddern und Bienen zu vergiften, der ist von der Kernkompetenz  der Grünen auf diesem Gebiet so weit entfernt wie zum Beispiel Ministerin Julia Klöckner von einer modernen ökologischen Landwirtschaft – Lichtjahre eben.

Das könnte man so fortsetzen: Europa? Digitales? Soziales? Migration? In allen Bereichen kümmert sich die große Koalition nicht ausreichend um die Interessen der Jungen. Da wird wochenlang über eine Grundrente für einen sehr überschaubaren Personenkreis diskutiert, während sich die junge Generation zum Start ins Berufsleben mit ganz anderen Problemen herumschlagen muss: Teils unbezahlbare Mieten oder eine digitale Infrastruktur auf dem Niveau eines Entwicklungslandes seien nur als Beispiele genannt.

Nein, Union und SPD haben kein Vermittlungsproblem. PR-Strategen alleine werden ihnen nicht helfen können. Sie stehen für eine Politik von gestern. Sie haben zum großen Teil das Personal von gestern. Und sie haben es nun mit einer Generation zu tun, die das alles durchschaut hat. Was für ein Glück.