Kommentar zur Einkommensungleichheit: Von Fairness keine Spur

Kommentar zur Einkommensungleichheit : Von Fairness keine Spur

Die Lücke zwischen ganz Armen und ganz Reichen klafft immer weiter auseinander. Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass die Einkommen in Deutschland so ungleich verteilt sind wie nie zuvor. Das heißt: Die, die ohnehin schon abgehängt sind, fallen weiter zurück. Besonders zeigt sich diese Entwicklung, wenig überraschend, im Osten Deutschlands.

Dabei erfreut sich das Land insgesamt einer guten wirtschaftlichen Entwicklung. Die kommt aber ganz offensichtlich nur bei denen an, die sowieso nicht als arm gelten. Aber: Die Armen werden mehr und die Entwicklung kann nicht mehr mit der guten Wirtschaftslage und einer niedrigen Arbeitslosenquote schöngeredet werden.

Dass es die berühmte Schere zwischen Arm und Reich gibt, ist längst politischer Konsens. Geholfen hat das Bewusstsein aber wenig. Es gibt einen Mindestlohn, aber der ist zu gering. Solange Vollzeitarbeitende unter Mindestlohn mit einem weiteren Job aufstocken müssen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen, besteht daran kein Zweifel. Vor deutlich höheren Einkommenssteuern für sehr gut Verdienende oder höheren Erbschaftssteuern schreckt man bislang zurück.

Auch eine kleine gute Nachricht

Für die Reichen gibt es derweil keinen Grund, am Status Quo etwas zu ändern, schließlich profitieren sie laut Studie von den Kapital- und Unternehmenseinkommen. Für die Mittelschicht läuft es schon irgendwie, und die Armen werden nicht gehört.

Eine gute Nachricht ist, dass die sogenannte Mittelschicht von der guten Arbeitsmarktlage profitiert hat. Dort öffnet sich die Schere langsamer. Dennoch: Sie tut es.  Eine schlechte ist, dass es im Osten bergab geht. Dort nimmt man noch immer die unzähligen Betriebsschließungen nach der Wende übel. Die neuen Bundesländer haben das nie verkraftet, es gibt zu wenige Jobs. Das zwingt viele junge und gebildete Menschen „in den Westen“ oder gleich ganz aus Deutschland heraus. Zurück bleibt das schale Gefühl, dass man abgehängt wurde. Und die Zahlen untermauern das nur noch.

Das spielt den Parteien am rechten Rand in die Hände. Gern wird da vorgerechnet, wie viel eine Friseurin zur Verfügung hat, wohingegen „der syrische Flüchtling“ so und so viel Geld bekomme. Einfach so. Dass das Milchmädchenrechnungen sind, steht außer Frage, hilft aber wenig in derart emotionalisierten und verzerrten Debatten. Die rechten Parteien heucheln Verständnis und bieten scheinbar schnelle Lösungen. Und das kommt, mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse, an.

Die Zuwanderung, die Schere

Eher ist die Zuwanderung einer der Gründe, weshalb sich die Schere weiter öffnet. Denn in der Regel dauert es, bis die geflüchteten Menschen Fuß fassen, überhaupt erst einmal in Deutschland arbeiten dürfen und dann schließlich auch können. Viele von ihnen dürften also zu den 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen zählen.

Um auf die Friseurin zurückzukommen: Menschen sind bei derartigen Dienstleistungen zunehmend weniger zahlungsbereit. Die Digitalsierung ging an Berufsgruppen wie dieser vorbei, und das hat sie Stück für Stück abgehängt.

Man kann den Kunden aber nun mal nicht auferlegen, für den Friseurbesuch ebenso viel wie für digitale Dienstleistungen bezahlen zu wollen. Also ist die Politik am Zug, mit einer wirksamen Umverteilung, mit steuerlichen Ent- beziehungsweise Belastungen, wo sie gebraucht werden, Zuschlägen und einem deutlich höheren Mindestlohn. Selbst wenn sich die Akteure, die solche Entscheidungen treffen, nicht zu den Armen zählen – sie müssen sie dennoch hören und auf die Entwicklung reagieren.

Mehr von Aachener Nachrichten