Vennbahntrasse: Allianz für Aachen fordert Grenzänderungen

Glosse: Mal so gesehen : Ein Stückchen Belgien in Deutschland

Nach dem ersten Lacher kann man die Idee der Allianz für Aachen (AfA) durchaus mal sacken lassen: Die AfA – eine Ratsgruppe, in der sich die beiden eher nach rechts schielenden Stadtverordneten Markus Mohr und Wolfgang Palm zusammengefunden haben – möchte ein Stückchen Belgien heim nach Deutschland holen. In einem Ratsantrag fordern Mohr und Palm, dass die Stadt Aachen sich für bilaterale Gespräche zwischen Deutschland und Belgien mit dem Ziel einer „möglichen Rückgabe“ von Trassenabschnitten der Vennbahn einsetzt.

Die Begründung liest sich streckenweise wie die Kurzfassung eines heimatgeschichtlichen Kompendiums. Im Sauseschritt geht es von den Anfängen der Bahn zu Kaisers Zeiten über neue Grenzziehungen nach zwei Weltkriegen bis zum jetzigen Zustand. Und weil auf der nun zum belgischen Staatsgebiet gehörenden Trasse von Aachen durch die Eifel längst keine Züge der belgischen SNCB mehr verkehren, sondern Radfahrer und Wanderer, sieht die AfA die Zeit für eine „Neujustierung“ der Grenze gekommen.

Deren Verlauf mit fünf deutschen Exklaven sei heute eine „funktionslose und überflüssige Kriegsnarbe“. Schmerzen müsste die zwar eher die Eifelgemeinden zwischen Roetgen und Kalterherberg, aber Aachen sehen Mohr und Palm in einer besonderen Verantwortung. Die Stadt könne als „Bindeglied europäischer Kulturen von grenzüberschreitendem Renommée “ auftreten.

Nun sind die Öcher bekanntlich alle weltgewandte Diplomaten, auch wenn man es nicht jedem direkt ansieht. Dennoch würde der Aachener Oberbürgermeister mit dem Ansinnen, die belgische Grenze neu zu verhandeln, weder in Berlin noch in Brüssel schwanzwedelnd begrüßt. Die Regierungen amüsieren sich lieber mit anderen Kinkerlitzchen als mit überflüssigen Kriegsnarben.

Vielleicht passt ihnen der Status quo auch gut ins Konzept. Im Falle ernsthafter Verwerfungen zwischen den Nachbarn könnte Belgien die Bauernhöfe in den Exklaven als Faustpfand betrachten. Umgekehrt wäre es für Deutschland leicht, die belgische Verkehrsinfrastruktur empfindlich zu treffen, indem man bei Monschau ein paar Kilometer Radweg absperrt.

Ein solches Szenario haben Mohr und Palm gar nicht bedacht, zu sehr sind sie beschiggert vom Gedanken der Völkerverständigung. „Das seit Jahrzehnten gewachsene freundschaftliche Nachbarschaftsverhältnis“, heißt es in ihrem Ratsantrag, sei ja gerade die Voraussetzung dafür, „sachlich, konstruktiv und unaufgeregt“ die Grenzfrage neu zu stellen. Zumal die AfA dabei „komplementäre Gegenleistungen“ in Aussicht stellt.

Was aber könnte das sein? Wenn die Belgier zum Ausgleich für die Vennbahntrasse ein Stückchen Deutschland bekommen, würde sich ein Streifen an der polnische Grenze anbieten. Das ist weit genug weg und erspart nachbarschaftliche Konflikte. Auf keinen Fall darf man wertvolle deutsche Parkplätze in der Region hergeben für ein paar Kilometer Radweg.

Vielleicht sollte man es aber ganz lassen, weil es doch schön ist, im eigenen Land ein Stückchen Belgien zu haben. Bei gutem Wetter tummeln sich dort an Wochenenden Heerscharen von Radlern, Wanderern oder Skateboardfahrern, es ist eine wahre Invasion. Im Gegensatz zu den vorherigen von 1914 und 1940 geht es aber friedlich und gesittet zu. Und man muss nicht anschließend Verträge über Grenzen machen.

w.breuer@zeitungsverlag-aachen.de

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