Kommentar zum Hambacher Forst: Unnötige Machtdemonstration

Kommentar zum Hambacher Forst : Unnötige Machtdemonstration

Warum für ein paar Bäume kämpfen, die ohnehin dem Untergang geweiht scheinen? Die Frage stellt sich angesichts des Streits um den Hambacher Forst immer wieder. Die Antwort ist denkbar simpel: Weil sie ein Symbol sind. Ein Symbol für eine heile, vom Menschen weitgehend unbehelligte Natur, die es in Deutschland freilich nicht mehr gibt.

Und mehr noch ein Symbol für die Sinnlosigkeit des Festhaltens an der Kohle — eines Energieträgers, von dem jeder weiß, wie schädlich er ist. Deshalb kann der Kampf um den Wald niemanden kalt lassen.

Dort wird nicht nur die Heimat Quadratmeter um Quadratmeter verheizt, dort geht es auch um Menschen, die nun in einen sinnlosen und möglicherweise gefährlichen Konflikt gezwungen werden — für beide Seiten. Mit einem unglaublichen Aufwand setzt der Staat in diesen Tagen die Interessen von RWE durch. Dieser Konzern ist keine gemeinnützige Organisation, auch wenn er zu beträchtlichen Teilen in kommunaler Hand ist. Ausbaden müssen diese Strategie einerseits Polizeibeamte, die sicher Besseres zu tun haben, als sich ein Katz- und Mausspiel mit Baumbesetzern zu liefern.

Andererseits darf man letztere nicht pauschal als „gefährliche Linksextremisten“ brandmarken, wie es Herbert Reul (CDU) getan hat. Mit seinem Vorgehen hat der NRW-Innenminister zuletzt unnötig Öl ins Feuer gegossen. Vielleicht sollte sich Reul einmal selbst in den Wald bequemen. Wer dort mit den jungen Aktivisten spricht, der trifft überwiegend auf offene, freundliche und friedfertige Idealisten, die dem Kampf für die Umwelt einen beträchtlichen Teil ihres Lebens opfern. Das muss man nicht immer nachvollziehen können.

Bewundernswert ist so viel Idealismus aber in jedem Fall. Schließlich ist ziviler Ungehorsam per se kein Verbrechen. Sollte der „Hambi“ nun tatsächlich extremistische Krawalltouristen anlocken, dann hat die Landesregierung dazu maßgeblich beigetragen. Denn der Konflikt wird auf Betreiben von RWE immer weiter auf die Spitze getrieben. Formal mag der Konzern im Recht sein. Es ist allerdings verlogen, in der Kohlekommission über den Ausstieg zu verhandeln, um diesen dann zu hintertreiben, indem noch schnell Fakten geschaffen werden.

Abhängigkeit ist der Schlüssel

Um es deutlich zu sagen: Die Kohle, die in den Gesteinsschichten unter diesen alten Bäumen schlummert, braucht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemand mehr. Die Kraftwerke könnten auch ohne weiteren Ausbau von Hambach noch jahrelang befeuert werden. Und je schneller Deutschland ohne Braunkohle auskommt, desto besser. Wer an dieser Stelle mit gegenteiligen Expertenmeinungen aufwartet, der sollte einmal hinterfragen, von wem diese Wissenschaftler abhängig sind.

Abhängigkeit ist ohnehin ein Schlüssel in diesem Konflikt. Immens wichtig wird es nämlich sein, die Menschen im Braunkohlenrevier mitzunehmen. Fakt ist: Der Strukturwandel ist nicht aufzuhalten. Dieses Land hat aber die Mittel, den Prozess so zu gestalten, dass es nicht zu sozialen Verwerfungen kommt. Panikmache angesichts des absehbaren Endes der Kohle ist daher völlig kontraproduktiv. Sie dient nur dem Zweck, die Menschen in der Region gegeneinander auszuspielen.

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