Trump und Johnson: Zwei Regierungschefs in Not

Kommentar zu Trump und Johnson : Eine Frage der Perspektive

Donald Trump und Boris Johnson haben hierzulande nicht viele Freunde. Dabei wird oft vergessen, warum sie bei manchen so populär sind. Diese Unkenntnis ist töricht.

Wir sehen dieser Tage zwei blonde Regierungschefs in Not. Donald Trump, dem ein Amtsenthebungsverfahren droht, und Boris Johnson, der auf Gedeih und Verderb den Brexit vollenden will. Es ist kein Geheimnis, dass beide Brüder im Geiste bei Freunden des pluralistischen Rechtsstaates und des Multilateralismus nicht sonderlich gelitten sind. Deshalb hört man förmlich das Aufatmen in bürgerlichen und (links-)liberalen Kreisen. Verzockt habe sich Johnson, ist zu lesen, und vom Prinzip Trump kann man hören, das ins Wanken gerate.

Nicht nur zwischen den Zeilen ist die Hoffnung zu vernehmen, dass dieser Spuk bald vorbei ist. Der Spuk der Rechtspopulisten, Nationalisten und Autoritären. Der Spuk der Bolsonaros, Salvinis, Dutertes, Farrages und, und, und. Der Spuk der Lega in Italien, des Rassemblement National in Frankreich, der Brexit-Party in Großbritannien, der FPÖ in Österreich, der AfD in Deutschland und, und, und.

Dabei lässt allein die Länge der obigen Auflistung vermuten, dass wir es mit einem durchaus langlebigen Spuk zu tun haben. Das liegt auch daran, dass die Kritiker Trumps, Johnsons & Co. immer noch nicht so richtig verstanden haben, was überhaupt gespielt wird. Eine Ursache dafür ist, dass viele dieser Kritiker unfähig sind, eine andere Perspektive einzunehmen. Spielen wir das an den Beispielen Trump und Johnson einmal durch.

Donald Trump lässt sich aus der Sicht vieler Menschen hierzulande folgendermaßen beschreiben: Grob, ungehobelt, undemokratisch, autoritär, rassistisch, undiplomatisch und als Lügner vollkommen ungeeignet, das mächtigste Land der Welt zu führen. Die jüngste Zuspitzung durch das Telefonat mit seinem ukrainischen Amtskollegen ist demnach die logische Folge all der Unzulänglichkeiten Trumps und wird (hoffentlich) zur Amtsenthebung führen.

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie wären ein Trump-Anhänger im Mittleren Westen der USA. Ihr Land wird seit Jahrzehnten zumindest gefühlt von den immer Gleichen regiert, die im weit entfernten Washington Politik für die sozialistische Elite der Küsten machen. Die einst so stolzen USA wurden durch Multilateralismus zum Vasallen internationaler Verträge, und in Washington haben Frauen, Schwule und Schwarze das Sagen, die Ihnen auch noch das Recht auf Selbstverteidigung nehmen wollen. So zumindest sagen es die Leute von Fox News – Ihre seit Jahren vornehmliche Quelle für Information. Für Sie war Trump 2016 ein Held, und er wird es auch weiterhin sein. Erst recht, wenn ihn das politische Establishment wegen einer politischen Lappalie amtsentheben will.

Boris Johnson hat in kontinentaleuropäischen Kreisen keinen viel besseren Leumund als Trump. Auch grob, auch undiplomatisch, auch undemokratisch, ebenfalls ein Lügner. Gab es unter Theresa May noch die Hoffnung, den ohnehin wahnsinnigen Brexit noch einigermaßen gesittet über die Bühne zu bringen, führt Johnson sich wie ein Elefant im Porzellanladen auf. Er tritt das Recht mit Füßen, verhöhnt das Attentatsopfer Jo Cox und hat mit dem Urteil zur Parlamentsauflösung den notwendigen Dämpfer erhalten.

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie wären Boris Johnson. Sie sind in Ihrer politischen Karriere immer sehr gut damit gefahren, sich nicht an Regeln zu halten. Sie sind undiplomatisch und geben sich linkisch, wofür Sie das einfache Volk liebt. Nach einer dreijährigen Brexit-Hängepartie sind Sie angetreten, um die Rolle des furchtlosen Vollstreckers des Volkswillens zu erfüllen. Ihnen ist klar, dass Sie gar nicht verlieren können, solange Sie den Anschein erwecken, dass Sie der einzige sind, der den Willen des Volkes gegen alle Widerstände durchsetzt.

Je größer die Widerstände aus Brüssel, vom Parlament oder dem Verfassungsgericht, desto besser ist das sogar für Sie. Denn, ob der Brexit kommt oder nicht, ist am Ende für Ihre Rolle eher sekundär. Es muss nur deutlich werden, dass Sie alles Menschenmögliche dafür getan haben. Der Jubel der vom „EU-Joch unterdrückten Massen“ wird Ihnen sicher sein. Spätestens bei der nächsten Wahl.

Ein solcher Perspektivwechsel ist nicht als Verteidigung von Trumps oder Johnsons Politik misszuverstehen. Hier kann es von Freunden des Rechtsstaates, der Demokratie, des Multilateralismus und der europäischen Einigung nur ein Urteil geben. Er soll nur zeigen: Der Spuk ist mitnichten vorbei. Und wirksam bekämpfen kann man ihn nur, wenn man ihn versteht.

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