Kommentar zu RWE: Späte Einsicht

Kommentar zu RWE : Späte Einsicht

Der Energiekonzern RWE verabschiedet sich vom „BoAplus“-Projekt. Die offizielle Mitteilung des Unternehmens und die dazu gehörende Begründung umfasste wenige Zeilen, als handelt es sich um ein einfaches Gebäude, das man nun nicht mehr errichten möchte.

Die Entscheidung stellt jedoch eine klare Zäsur dar. RWE hat am Freitag zum ersten Mal offiziell bestätigt, dass Kohleverstromung auch im eigenen Unternehmen keine Zukunft mehr hat. Indirekt verbunden ist damit die Einsicht, lange auf ein Auslaufmodell gesetzt zu haben. Jahrelang hat man sich in Essen an den Gedanken geklammert, dass irgendwie immer irgendwo Kohlestrom gebraucht werden muss. Dabei hätte die Erkenntnis früher kommen sollen, nein, müssen.

Fortschritt führt zu Vorbehalten

Das Vorgehen des RWE-Konzerns spiegelt sich in unserer Gesellschaft wider. Wer trennt sich schon gerne von gewohnten Dingen? Der Fortschritt in vielen Bereichen führt schnell zu Vorbehalten und dazu, dass Entwicklungen zunächst blockiert oder verneint werden. Als Beispiele sind die aktuellen Diskussionen darüber, wie wir uns in Zukunft fortbewegen, welche medizinischen Möglichkeiten entstehen, wie Menschen sich ernähren und leben werden.

Das Wissen, dass ein Weiter-so nicht zu halten ist, haben inzwischen alle Bedenkenträger gewonnen. Die Anzeichen in der ganzen Welt wachsen, dass der Mensch derzeit eher eine Plage als ein Segen für diesen Planeten ist. Aber die Veränderung soll eben nicht abrupt, sondern behutsam erfolgen. Das ist menschlich – leider. Manchmal aber auch kontraproduktiv. In vielen technologischen Entwicklungen hinkt Deutschland inzwischen hinterher. Das Land der Bedenken muss wieder zu dem werden, was es einst war: das Land der Entwickler und Erfinder.

Neue Möglichkeiten finden

Die damit verbundenen Krisen langjähriger Stützen der bundesdeutschen Industrie sollte man als Chance begreifen. Vor allem für das Rheinische Revier, vor allem für die Hochschul- und Forschungsstandorte Aachen und Jülich. Jetzt müssen neue Möglichkeiten zur Stromspeicherung gefunden werden, es müssen neue Formen entwickelt werden, Energie zu erzeugen und deren Verbrauch zu verringern. Dazu müssen allerdings die Politiker in Düsseldorf und Berlin ihre Hausaufgaben machen.

RWE will die Metamorphose zum Innovationstreiber schaffen, auch wenn die Braunkohleverstromung einige Jahre noch zum Unternehmen gehört. Dessen Slogans lauteten „VoRWEg gehen“ und im Jahr 1998 einmal „Die Zukunftsgruppe“. Mit dem Ende der Pläne für eine neues Braunkohlekraftwerk wirken diese Schlagworte nicht mehr wie hohle Floskeln. Wie der Energiemix der Zukunft konkret aussieht, weiß noch niemand, aber Kohleverstromung wird nicht dazu gehören. Das hat am Freitag auch RWE offiziell eingesehen.

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