Gedanken zum Fest: Ostern, ach Ostern

Gedanken zum Fest : Ostern, ach Ostern

Wenn er an Ostern dachte, dachte er an Jesus. Das war nicht verwunderlich, war doch Ostern das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Ehrlich gesagt dachte er weniger an Jesus selbst, sondern an die Filme über ihn. Auf irgendeinem Kanal lief Ostern immer ein Jesusfilm, man konnte sich darauf verlassen.

Und so kreisten seine Gedanken weniger um gefärbte Eier, die man in familieninternen Wettkämpfen, dem sogenannten Eiertitschen, gegeneinanderstieß, und auch nicht um Schokohasen, die in Nestern lagen. Er dachte vielmehr an Jesusfilme. Und an Max von Sydow, der sein erster Film-Jesus gewesen war. Andere sollten sich an der Rolle aller Rollen versuchen. Für ihn blieb Max von Sydow unerreicht.

Alles andere als nett

Er hatte schon als kleiner Junge Jesus-Filme schauen dürfen. Viele Jahre später fragte er sich, warum seine Eltern das eigentlich zugelassen hatten. Jesusfilme waren alles andere als nett, gerade zum Ende hin waren sie ziemlich brutal. Wenn der aus seinen Wunden blutende Jesus am Kreuz hing, dann mochte er gar nicht hinsehen. Der Schmerz, den Jesus hatte erleiden müssen, hatte sein Bild von Ostern geprägt. Er war sich sicher, dass dieser Schmerz der Grund war, warum über Ostern immer auch ein unheilschwangerer Schatten lag.

Weihnachten war leicht und schön, was an den Geschenken lag. Die gab es in der abgespeckten Version zwar auch zu Ostern, doch in die Freude darüber mischte sich ein Gefühl von Beklemmung. Lag’s auch an dem Weihrauch, der ihm als Messdiener nicht gut bekommen war, schon gar nicht im Frühling? Der Duft nach Frühling und der Duft von Weihrauch hatten nicht zusammengepasst.

Nicht wirklich besser gemacht hatte es die Tatsache, dass der Pfarrer seiner Heimatgemeinde immer nur zu Ostern etwas getan hatte, was er sonst aus gutem Grund nie tat: Er hatte gesungen. Leider nicht besonders gut. Jedenfalls viel zu hoch, was letztlich etwas Bedrohliches gehabt hatte.

All das Leiden Jesu

An der eher getrübten Osterstimmung änderte selbst das Ende der Jesusfilme nichts, wenn der Messias plötzlich aus dem Grab ins Freie trat, was doch eine ziemliche Sensation war. Ein positiver Impuls war es allemal, ein Happy End à la Hollywood, etwas, womit man, wie Jesus selbst, auch als Zuschauer gut weiterleben konnte.

Doch der Schreck steckte ihm noch zu sehr in den Knochen. All die Qualen, all das Leiden Jesu, der auf niederträchtige Art verraten worden war, was nicht nur seine Folter und die Kreuzigung zur Folge hatte, sondern auch den Selbstmord des Verräters Judas Iskariot, den man – meist nur schemenhaft und im Schatten – in den Jesusfilmen an einem Baum hängen sah. Schön war das nicht. Wie konnte man da zwei Tage später freudestrahlend zur Tagesordnung übergehen? Vielleicht hatte er einfach zu viel Fernsehen geguckt.

Die Existenz Jesu

Doch hätte er es nicht getan, hätte es nicht jenen österlichen Fernsehmoment gegeben, der ihm viel gesagt hatte über die Existenz Jesu. Womit noch einmal Max von Sydow ins Spiel kommt und eine Tante aus Köln, die mit ihm und seinen Eltern an einem Karfreitag vor langer Zeit den Film „Die größte Geschichte aller Zeiten“ aus dem Jahr 1965 gesehen hatte.

Der Film lief seit gefühlt sechs Stunden und bog schon auf die Zielgerade ein, als der Tante neben ihm auf dem Sofa plötzlich Tränen über die Wangen liefen. Es konnte kein Zweifel bestehen, seine Tante weinte! Sie weinte um Jesus, der, die Krone auf dem Haupt, unter der Last des schweren Kreuzes, immer wieder zusammenbrach. Und sie sagte: „Man kann sich nicht vorstellen, was er durchgemacht hat, das ist doch schrecklich, dieses Leiden!“ So oder so ähnlich wird sie sich ausgedrückt haben, doch nicht die Worte sollten ihm in Erinnerung bleiben, sondern die Tränen, die sie weinte. Und diese Tränen sagten ihm: Das da im Fernsehen war zwar ein Film, doch er erzählte eine wahre Geschichte. War es das, was man einen Gottesbeweis nannte?

Ohne Dunkelheit kein Licht

Frohe Ostern!

Es fiel ihm nicht leicht, das zu sagen. Vielleicht lag es ja daran, dass das Leid von Karfreitag und die Freude von Ostersonntag so nah beieinander liegen – zwischen zu Tode betrübt und himmelhochjauchzend. Da kam man kaum mit. Meistens war er Ostersonntag aber doch bester Stimmung, was damit zu tun hatte, dass er aus dem Eiertitschen oft als Sieger hervorging. Jedenfalls ging es ziemlich hoch her am Frühstückstisch, man könnte sagen, es dominierte eine gewisse Lebendigkeit, keine Spur von Trübsal. In der Regel lief am Abend ein guter Film im Fernsehen, irgendetwas Schönes. Karfreitag war vorbei. Ohne Dunkelheit kein Licht. Und Jesus lebte. Wie auch immer er das angestellt hatte.

Frohe Ostern!

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