Kommentar zu Impf-Lücken: Moralische Verpflichtung

Kommentar zu Impf-Lücken : Moralische Verpflichtung

In den 1960er und 1970er Jahren war dieser Slogan allgegenwärtig: „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“.

Im Fernsehen liefen Werbespots, überall hingen Plakate, es gab öffentliche Schluckimpfungen für Kinder und Erwachsene, in Schulen und Kindergärten wurden die Zuckerwürfel mit dem Impfstoff verabreicht. Kaum jemand konnte sich dem entziehen, die Impfquote war hoch. Und der Erfolg war durchschlagend: Deutschland gilt seit vielen Jahren als Polio-frei. Andere Regionen auf der Welt sind dies nicht. Deshalb raten Experten davon ab, die Impfung zu vernachlässigen.

Ob Polio, Masern oder Diphterie: Diskussionen über Sinn und Unsinn von Impfungen gibt es immer wieder. Vor allem dann, wenn eine als ausgerottet geltende Krankheit plötzlich wieder aufflackert. Masern sind seit ein paar Jahren wieder Thema. Aktuell beklagt die Barmer Krankenkasse, dass zu wenige Kinder ausreichenden Impfschutz haben. Bei ihren Versicherten liege die Impfquote bei unter 90 Prozent, das Robert-Koch-Institut des Bundes geht dagegen bundesweit von 97 Prozent bei der ersten und 93 Prozent bei der zweiten Masernimpfung aus. In anderen Statistiken ist von einer Impfquote bei Zweijährigen von 74 Prozent die Rede. Eindeutige Zahlen gibt es offenbar nicht, man muss schon genau hinschauen, wer was wann wie erfasst.

Einig sind sich allerdings – fast – alle, dass nur eine Impfquote von mindestens 95 Prozent wirksamen Schutz für alle vor gefährlichen Infektionskrankheiten bietet. Uneinigkeit herrscht dagegen darüber, wie diese Quote zu erreichen ist: Bedarf es einer gesetzlichen Impfpflicht oder reicht es, auf Einsicht von Erwachsenen und Eltern mit Blick auf ihre Kinder zu setzen?

Für beides gibt es gute Argumente. Der Deutsche Ethikrat hat sie Ende Juni in einer 100 Seiten starken Stellungnahme beleuchtet und Handlungsempfehlungen entwickelt, im Internet zu finden unter www.ethikrat.org. Das Gremium betont die moralische Verpflichtung eines jeden Einzelnen, sich impfen zu lassen, um andere nicht zu gefährden, die sich selbst nicht schützen können, etwa weil ihr Immunsystem eine Impfung nicht zulässt.

Es lehnt aber eine generelle Impfplicht ab, ausgenommen für Angehörige bestimmter Berufe im Gesundheits- und Bildungsbereich. Stattdessen empfiehlt der Deutsche Ethikrat eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung über Chancen und Risiken von Impfungen sowie unkomplizierten Zugang zu Impfmöglichkeiten.

Dass eine solche Strategie erfolgreich sein kann, hat die Kampagne „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ gezeigt. Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht schlecht: Laut einer repräsentativen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2017 ist die Zahl der Impfbefürworter gegenüber Befragungen aus den Jahren davor signifikant gestiegen, die Zahl der Impfgegner hingegen gesunken. Sollte seriöse und verständliche Aufklärung dennoch nicht zum Erfolg , kann man immer noch über Zwangsmaßnahmen nachdenken.