Grünen-Parteitag: Mit diesen Vorsitzenden lässt sich wuchern

Grünen-Parteitag : Mit diesen Vorsitzenden lässt sich wuchern

Drei Tage lang haben sich die Grünen virtuell gequält, bevor ihr neues Grundsatzprogramm in trockene Tücher kam. Manches wäre sicher anders gekommen, hätten sie sich persönlich gegenüber gesessen.

Man wird nie erfahren, was aus manch strittigen Formulierungen am Ende geworden wäre, hätte ein ganz normaler Präsenzparteitag stattgefunden. Aus der Ablehnung von bundesweiten Volksabstimmungen zum Beispiel, die nur mit dünner Mehrheit zustande kam und der grünen Führung eine dicke Niederlage ersparte.

Parteitage leben von Leidenschaft, von Rede und Gegenrede, von der Stimmung im Saal. Im Netz wirkte alles statisch und steril. So fühlte man sich bei der Eröffnungsrede der Vorsitzenden Annalena Baerbock statt an Aufbruch eher an das Wort zum Sonntag erinnert. Sie kann es viel besser. Doch sei’s drum. Der zentralen Botschaft, um die es den Parteistrategen ging, konnten auch alle digitalen Tücken nichts anhaben: Die Grünen sind der Opposition leid, sie wollen mit aller Macht an die Macht. Dabei hatte die Partei schon diesen Begriff lange Zeit verächtlich gemacht.

Die Grünen wollen sich breiteren Schichten öffnen

Vor 40 Jahren waren die Grünen als Anti-Parteien-Partei gestartet. Nun empfehlen sie sich als Kanzler(innen)-Partei. Die Grünen wollen auch nicht mehr nur wegen ihres ökologischen Markenkerns gewählt werden. Sie wollen sich breiteren Schichten öffnen. Mit dem neuen Grundsatzprogramm ist die Partei tatsächlich anschlussfähig nach allen demokratischen Seiten geworden. Zur Union sind die Gräben im Zweifel überbrückbar, zu SPD und Linken sowieso. Selbst beim Klimaschutz haben sich die Grünen von allzu radikalen Tönen verabschiedet. Ein Antrag, das 1,5-Grad-Ziel zur „Maßgabe“ zu machen wurde gar nicht erst abgestimmt.

Alle mitnehmen, keinen verprellen. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Maßgebend wird für die Grünen ohnehin nicht das Grundsatzprogramm sein, sondern das noch zu beschließende Wahlprogramm. Da wird es dann konkret. Aus den klimapolitischen Treibern sind jedenfalls schon jetzt Getriebene geworden. Das zeigt sich im schwarz-grünen Hessen, wo ein Waldstück dem Neubau einer Autobahn weichen soll und Klimaaktivisten dagegen mobil machen. Das droht im grün-schwarzen Baden-Württemberg, wo eine neue „Klimaliste“ dem grünen Regierungschef Winfried Kretschmann bei der Landtagwahl im März 2021 Konkurrenz machen will.

Mit ihren Vorsitzenden Baerbock und Habeck verfügen die Grünen allerdings über zwei Persönlichkeiten, die den Laden zusammenhalten können und kanzler(innen)-
tauglich sind. Damit lässt sich wuchern.