Kommentar zum Schulsystem: Mehr Mut, Frau Ministerin!

Kommentar zum Schulsystem : Mehr Mut, Frau Ministerin!

Die nordrhein-westfälische Schulministerin macht alles richtig. Kaum 140 Tage im Amt hatte Yvonne Gebauer die Abkehr vom „Turboabitur“ ins Kabinett eingebracht, ein Jahr nach Amtsantritt ist das Gesetz zur Rückkehr zum neunjährigen Abitur (G9) verabschiedet. Das, wofür Eltern und Schüler im Land gekämpft haben, rückt näher.

Man kann Gebauer im Prinzip also nichts vorwerfen. Eigentlich. Aber an einigen Punkten würde man sich ein wenig mehr Mut von der Ministerin wünschen. Mut, eine Duftmarke zu setzen — auch, wenn die dann nicht jedem gefallen würde.

Gebauer macht es mit ihrer Schulpolitik derzeit (fast) jedem recht. Das ist eine äußerst geschickte Politik. Und als FDP-Politikerin kann sie darauf verweisen, dass es eben dem liberalen Geiste entspricht, den Schulen möglichst viele Entscheidungen zu überlassen. Es muss sich aber zeigen, ob das die Schulen nicht überfordert.

Die Schulkonferenzen bestehend aus Lehrern, Eltern- und Schülervertretern müssen bis Ende des Jahres entscheiden, ob sie zu G9 zurückkehren oder ob sie das „Turboabitur“ G8 behalten wollen. Die meisten Schulen werden wohl wieder in neun Jahren zum Abitur führen wollen. Es wäre deshalb besser gewesen, G9 für alle Gymnasien verpflichtend zu machen. Das hätte die Diskussion an den Schulen erspart. Und in Zukunft verwaltungstechnischen Aufwand, wenn es zwei gymnasiale Formen gibt.

Gebauer lässt die Schulkonferenzen aber nicht nur bei diesem strittigen Thema allein, sondern auch mit der Entscheidung darüber, ob die Gymnasien die unverbindlichen Zusatzstunden nutzen wollen. Es sind nur acht Stunden verteilt auf sechs Jahre Sekundarstufe I. Was unwichtig klingt, hat aber große Auswirkungen.

Denn nur ohne die Ergänzungsstunden lässt sich beinahe ausnahmslos ein Gymnasium ohne Nachmittagsunterricht umsetzen. Je mehr Zusatzstunden genutzt werden, umso mehr Nachmittage haben die Kinder Unterricht. Die Entscheidung berührt damit eine Grundsatzfrage. Das ist sehr delikat.

Gebauer entzieht sich dieser Diskussion, indem sie viele Möglichkeiten offenlässt. Wenn Eltern unzufrieden sind, ist die Schuld also bei den Schulen zu suchen und nicht bei der Ministerin. Das ist äußerst geschickt. Aber nicht unbedingt richtig.

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