Kommentar zu Böhmermanns SPD-Kandidatur: Markante Köpfe gibt es genug

Kommentar zu Böhmermanns SPD-Kandidatur : Markante Köpfe gibt es genug

Kennen Sie noch Tobias Schlegl? Der Moderator der NDR-Satiresendung „extra3“ zog sich vor drei Jahren zeitweise ganz aus dem Fernsehen zurück und absolvierte eine Ausbildung zum Rettungssanitäter. Einen derart sympathischen Realitätsabgleich möchte man inzwischen auch seinem TV-Kollegen Jan Böhmermann dringend ans Herz legen.

Dessen Klamauk-Kampagne für die Wahl zum SPD-Vorsitz mag ihm ein paar Schlagzeilen gebracht haben. Das war es aber auch schon. Einen SPD-Vorsitzenden Olaf Scholz müssen die Genossen schon selbst verhindern, dafür braucht es keinen Böhmermann.

Das verdient Respekt

Nach einem müden Start im Rennen um den Vorsitz der ältesten deutschen Partei kristallisieren sich mit den unterschiedlichen Bewerber-Teams inzwischen durchaus interessante Alternativen zum bisherigen politischen Kurs heraus. Die Entscheidung, bei der Suche nach einer neuen Führung die Mitglieder abstimmen zu lassen, mag aus der puren Not geboren sein. Sie verdient dennoch Respekt und sollte nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Auch und vor allem dann, wenn die meisten Bewerberinnen und Bewerber nicht den Bekanntheitsgrad eines TV-Satirikers vorweisen können.

Prominente Genossen, die die Partei stetig weiter in Richtung Abgrund gesteuert haben, gibt es schließlich genug. Diese Partei braucht in der jetzigen Verfassung keine Prominenz und keinen Glamour. Sie benötigt markante Köpfe, die ihr wieder zu einem eigenen Profil verhelfen. Wenn eine Partei in Umfragen zwischen zehn und 15 Prozent auf sich vereint, dann braucht sie erst recht keine Möchtegern-Kanzlerkandidaten und andere Komiker.

Und weil die SPD trotz aller Nackenschläge noch eine stolze Partei ist, kann sie auch auf Ratschläge von außen verzichten. Tatsächlich stehen die Mitglieder vor einer schweren Wahl, die ganz klar die Richtung des künftigen politischen Kurses bestimmen wird. Auf der einen Seite finden sich jene Bewerber, die für Kontinuität stehen und schon immer die staatstragende Seite der Sozialdemokratie verkörperten, so wie Olaf Scholz oder Boris Pistorius. Von vielen Medien werden sie als Favoriten gehandelt. Sie werden vor allem die Frage beantworten müssen, ob nicht gerade diese Kontinuität die SPD letztlich in den Abwärtsstrudel gerissen hat?

Personelle Alternativen, die für einen anderen Kurs stehen, gibt es inzwischen genug. Und es sind durchaus spannende, erfolgsversprechende Kandidaturen darunter, die zeigen, dass diese Partei mehr zu bieten hat, als die Rolle des dahinsiechenden Dauer-Juniorpartners in einer großen Koalition.

Kühnert ist nicht vermittelbar

Dass sich Kevin Kühnert nicht zu einer Kandidatur durchringen konnte, mag für Medienschaffende bedauerlich sein, da der Juso-Chef in der Vergangenheit stets für ein Bonmot gut war und auch diskussionswürdige Ansätze verfolgte. Hinter seiner Entscheidung wird aber die Erkenntnis stehen, dass er derzeit bei vielen, vor allem älteren Mitgliedern schlicht nicht vermittelbar ist.

Es wird die große Herausforderung des künftigen Führungsduos sein, die Partei zusammenzuhalten, mitzunehmen und dennoch wo nötig radikal zu reformieren. Viele Fehlschüsse kann sich die SPD nicht mehr erlauben. Man darf gespannt sein.