Kommentar zur Entlassung von Markus Anfang: Logische Entscheidung

Kommentar zur Entlassung von Markus Anfang : Logische Entscheidung

Wenn ein Fußballverein, der auf dem ersten Platz der Tabelle der 2. Bundesliga steht und ziemlich sicher aufsteigen wird, seinen Trainer entlässt, ist das merkwürdig. Oder sogar empörend?

Es ist auf jeden Fall selbst im erhitzten Fußballgeschäft eine Seltenheit – weil so eine Tabellenführung drei Spieltage vor Saisonende gemeinhin als Erfolg gilt. Beim 1. FC Köln muss jetzt Trainer Markus Anfang gehen, trotz Platz 1, trotz des fast sicheren Aufstiegs. Merkwürdig ist das schon, vielleicht sogar empörend, auf den ersten Blick; auf den zweiten ist Anfangs Entlassung in Köln aber auch eines: logisch.

Was ziemlich viel mit dem FC zu tun hat: Der Kölner Klub ist ein Verein, in dem Emotionen manchmal mehr zählen als Punkte. Die Verantwortlichen um Sportchef Armin Veh haben Anfang wohl in erster Linie entlassen, weil sie zu dem Schluss gekommen sind, dass es zwischen Klub, Mannschaft und Trainer nicht passt. Und dass das den Aufstieg und vor allem den erfolgreichen Neustart in der Bundesliga gefährden könnte.

Dieses Gefühl hat die Arbeit des Trainers im Grunde ja überlagert, seit er im Sommer 2018 zum Chefcoach wurde. Es wirkt in der Nachbetrachtung ein bisschen so, als sei Anfang nie richtig in Köln angekommen. Was verwunderlich ist, weil er dort geboren wurde. Weil er wusste, wie emotional der Klub, seine Fans und die ganze Stadt sind. Das war an der Reaktion der Anhänger nach der 1:2-Heimniederlage gegen Darmstadt 98 noch einmal eindrucksvoll zu sehen: Die „Anfang raus“-Rufe am Freitagabend waren keine spontanen Gefühlsausbrüche; sie waren dem bereits lange schwelenden Unbehagen geschuldet, dass ihre Mannschaft nicht den richtigen Trainer hat.

Und es gibt durchaus auch sportlich Argumente gegen Anfang: Die Niederlage gegen Darmstadt taugt durchaus als Beweis dafür, dass etwas in der Kölner Mannschaft nicht stimmt. Der FC hatte ja in der Woche zuvor eine peinliche Pleite kassiert, 0:3 bei Dynamo Dresden, doch statt nun Wiedergutmachung zu betreiben und mit einem Sieg den Aufstieg nahezu perfekt zu machen, gab es die achte Saisonniederlage – das vierte Spiel in Folge ohne Sieg. Zu viel für einen Klub, dessen Anspruch es ist, in der Bundesliga zu spielen, und der seinen Kader entsprechend ausgestattet hat. Es ist schon die dritte Schwächephase, die sich der FC in dieser Spielzeit leistet. Anfang stand nach der Niederlage beim Hamburger SV im Herbst schon in der Kritik; nach der Pleite gegen Paderborn zu Beginn des Jahres forderte der damalige Präsident Werner Spinner sogar, entweder Anfang oder Veh zu entlassen.

Natürlich sind Niederlagen und Schwächephasen nie ausschließlich am Trainer festzumachen; in diesem Geschäft ist er aber immer das schwächste Glied – vor allem wenn eine emotionale Komponente wie bei Anfang hinzukommt. Der Trainer ist dafür verantwortlich, dass seine Mannschaft mit der richtigen Taktik ins Spiel geht. Dass sie die richtige Einstellung auf dem Platz hat. Dass sie an ihr Leistungsmaximum geht. Anfang hat das nicht immer geschafft. Es wirkte bisweilen so als würden ihm Teile der Mannschaft nicht folgen wollen.

Und dass er die Spannungen im Team nicht kanalisieren konnte; dass es solche gibt, machte Dominick Drexler nach der Niederlage in Dresden („Das machen die Stars") öffentlich. Anfang hat zwar eine in der Regel herausragende Offensive aufgestellt, was aber mehr mit den individuellen Qualitäten der Spieler zu tun hat als mit seinem Wirken; er hat es nicht geschafft, die Defensive zu stabilisieren und mehrfach bei Aufstellungen und Auswechslungen danebengelegen. Das sind Mängel, die sich ein Trainer in Köln nicht erlauben kann.

Ob Anfangs Entlassung richtig oder falsch ist, lässt sich jetzt nicht bewerten. Es bleibt abzuwarten, wie die Mannschaft unter dem Interimstrainerduo André Pawlak und Manfred Schmid auftritt. Und vergessen werden darf in der aufgeheizten Stimmung auf keinen Fall, dass Anfang keinesfalls der alleinige Sündenbock ist: Es wäre falsch, Veh von jeglicher Schuld freizusprechen. Er hat den Trainer ausgesucht, er hat den Kader zusammengestellt. Und seine Machtprobe, die er letztlich gegen Spinner gewann, hat die schwierige Atmosphäre geschürt.

Der 1. FC Köln ist ein besonderer Klub, in jeglicher Hinsicht, voller Leidenschaft, Emotionen und Impulsivität. Das kann unglaublich positiv sein. Oder unfassbar negativ. Anfang sind diese Besonderheiten zum Verhängnis geworden.

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