Kommentiert: Zwei Gesichter

Kommentiert: Zwei Gesichter

Es gibt sehr wohl Lichtblicke in diesem ganzen Elend. Lichtblicke sind die abertausend Menschen, die sich seit Wochen und Monaten in Deutschland für Flüchtlinge einsetzen, die Mitgefühl zeigen, die sich ihre Empathie bewahrt haben.

Es sind kirchliche Gruppen, linke Organisationen oder einfach nur ganz normale Bürger. In oft anrührender Weise kümmern sie sich um die Vertriebenen. Ihnen gebührt Dank. Sie sind das schöne Gesicht Deutschlands.

Aber leider gibt es auch ein anderes Gesicht. Ein Gesicht, das zum Beispiel die Führungsspitze der CSU zeigt. Nachdem sie mit der Pkw-Maut und der Herdprämie krachend gescheitert ist, scheint sie sich wieder verstärkt auf eine ihrer alten Kernkompetenzen konzentrieren zu wollen: Nämlich auf das Schüren von Ressentiments.

Wenn Horst Seehofer und der angeblich so humorvolle Herr Söder in der derzeitigen angespannten Lage permanent von massenhaftem Asylmissbrauch und von Sozialtourismus schwadronieren, wenn sie Bürgerkriegsflüchtlinge gegen Elendsmigranten ausspielen wollen, dann ist das hochgefährlich. Denn sie kratzen damit an einer dünnen Schicht, unter der auch in der deutschen Gesellschaft immer noch sehr viel Fremdenangst, Ausländerfeindlichkeit, ja Rassismus wabern. Sie machen sich zu Stichwortgeber für dumpfe Schläger, für die hässlichen Deutschen.

Mehr als zweihundert Übergriffe auf Flüchtlingsheime hat es im ersten Halbjahr 2015 gegeben. 16 Mal so viel wie vor drei Jahren. Noch gab es zwar keine Toten. Doch manches erinnert fatal an die Zeit 1991/92 und die damals in unverantwortlicher Weise geführte Asyldebatte - etwa die eher beiläufige Art, in der die Anschläge und Übergriffe heute erneut von Teilen der Politik, der Medien und der Öffentlichkeit aufgenommen werden. Dabei gingen auch damals zunächst nur Scheiben zu Bruch. Kurze Zeit später setzte der randalierende Pöbel Häuser in Brand, wurden Menschen ermordet. Muss es erst wieder soweit kommen, bis endlich alle merken, dass der gefährlichste Feind unserer Demokratie rechts steht?

Logistische Herausforderung

Ja, die Bundesrepublik sieht sich in diesem Jahr mit so vielen Flüchtlingen konfrontiert, wie schon lange nicht mehr. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Zu ihnen gehört die über Jahrzehnte verfehlte Strategie des Westens im Nahen- und Mittleren Osten, zu ihnen gehört eine Wirtschaftsordnung, die den Menschen in der sogenannten Dritten Welt kaum Entwicklungschancen lässt. Weil das so ist, stehen unsere Städte und Gemeinden heute bei der Unterbringung von Flüchtlingen vor großen logistischen Herausforderungen.

Man kann darüber stöhnen, natürlich. Doch es gibt andere Länder wie beispielsweise die Türkei oder der Libanon. Jedes von ihnen hat mehr Syrien-Flüchtlinge aufgenommen als die gesamte Europäische Union. Und dass bei einer deutlich geringeren Wirtschaftskraft. Wie wäre es, wenn sich das reiche Europa an ihnen ein Beispiel nehmen würde?

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