Kommentiert: Zu lange weggeschaut

Kommentiert: Zu lange weggeschaut

Wer in der Region groß geworden ist, seit Jahrzehnten hier lebt, kennt das: Wir leben mit den Tagebauen und wir leben gut von ihnen.

Jede noch so kleine Kommune profitiert vom Bergbaubetreiber, mit Steuern oder Arbeitsplätzen, mittels großzügiger Spenden des Konzerns. Der Spielplatz um die Ecke sponsored by RWE. Da tollt es sich besonders gut.

Wohlstand und Infrastruktur in den Anrainerkommunen haben wir uns erkaufen lassen. Dass dafür ganze Dörfer verschwinden mussten — geschenkt. Jahrzehntelang hat das niemanden interessiert. Uns ging es gut. Besucher führte man zum Loch und freute sich, wenn sie technikbegeistert ausriefen: So riesig habe ich mir das gar nicht vorgestellt. Das funktioniert heute noch. Ist ja auch viel schöner, als Gäste durch sterbende Orte zu führen. Wen interessiert schon Morschenich oder Immerath? Wer vermisst schon Pier oder Lohn?

Warum sollte man auch darüber reden, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen in ungeheurem Ausmaß verschwinden, um hernach — weil es für den Bergbaubetreiber kostengünstiger ist — in überdimensionierte Seenlandschaften verwandelt zu werden? Da freut man sich doch eher, dies als das Tourismuskonzept der Zukunft angepriesen zu bekommen. Wohnen und Arbeiten am See. Wer will das nicht?

Und jetzt noch diese blöde Sache mit dem Klima. Dabei ist man ja schon genug damit beschäftigt, beim Einkauf auf Plastiktaschen zu verzichten, verseuchte Eier zu vermeiden, gegen Tihange zu demonstrieren und Jodtabletten zu schlucken. Das muss nun auch mal reichen. Sollen sich doch andere drum kümmern.

Und genau das tun sie. Am Wochenende. Sie reisen aus ganz Europa an um uns, die wir lieber weggeschaut haben, die wir gut vom Tagebau gelebt haben, daran zu erinnern, dass es sich lohnen kann, für den Erhalt der Reste eines ursprünglich 5500 Hektar großen Bürgewaldes aus dem 8. Jahrhundert zu kämpfen, dass die Energiewende vor der eigenen Haustür beginnt und der Klimawandel keine Zukunftsmusik mehr ist, sondern in vielen Ländern schon den Alltag bestimmt. Die Braunkohle wird hingegen kein Teil der Zukunft sein.

All das wollen wir nicht hören, weil wir wissen, dass wir unser tägliches Handeln ändern müssten, ohne wie üblich die Politik dafür verantwortlich machen zu können. Nicht Einzelne, die rote Linien überschreiten, müssen uns Angst machen. Wir müssen uns eher vor uns selbst fürchten.

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