Kommentiert: Wo ist Merkel?

Kommentiert: Wo ist Merkel?

Der Schwarze Peter wird eifrig hin und her geschoben. Zunächst war es die FDP, die nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche zum Hauptverantwortlichen für die Berliner Chaostage ausgerufen wurde. Natürlich haben die Liberalen mit ihrem Auszug aus der Sondierungsrunde, egal ob er nun spontan oder von langer Hand geplant war, um Schuldzuweisungen gebettelt. Aber sie allein in den Senkel zu stellen, ist etwas zu einfach.

Inzwischen fokussieren sich die Medien auf die SPD. Selbstverständlich wirken deren Spitzenleute mit ihrem Mäandern zwischen den Optionen Neuwahl, Minderheitsregierung oder große Koalition alles andere als glücklich und souverän. Sie bieten damit jede Menge Raum für Spekulationen. Zumal sich hinter dem Streit um den Kurs auch noch ein Machtkampf um die Parteiführung zu verstecken versucht. Wer allerdings den schwarz-gelb-grünen Sondierern Wochen für ihre Trippelschritte Richtung Jamaika zugestanden hat, der darf von den Sozialdemokraten nicht verlangen, innerhalb weniger Tage eine Entscheidung zu fällen, die für die Zukunft der SPD, vor allem aber für die langfristige Stabilität des Parteiensystems von elementarer Bedeutung sein kann.

Doch es gibt noch jemand anderen, der in der Verantwortung steht: Die Ich-bin-dann-mal-weg-Kanzlerin. Angela Merkel hat nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche wieder einmal das getan, was sie immer macht, wenn es in der innenpolitischen Debatte kracht und knallt. Die CDU-Chefin ist auf Tauchstation gegangen. Inzwischen schon seit Tagen. So, als habe sie mit dem ganzen Berliner Scherbenhaufen nichts zu tun. So, als stünde sie über den Dingen.

An Herausforderung gescheitert

Dabei hatte Merkel als Chefin der stärksten Partei vom Wähler den Auftrag erhalten, eine Regierung zu bilden. Sie war für den geordneten Ablauf der Sondierungsgespräche zuständig. Sie sollte die Verhandlungen strukturieren. Sie stand vor der Aufgabe, gerade angesichts der großen Unterschiede zwischen den Gesprächspartnern Führungskraft zu zeigen. An dieser Herausforderung ist Merkel gescheitert. Und trotzdem scheint sie am Ende einer aufreibenden Woche wieder einmal fein raus zu sein. Ihr Versagen wird in der öffentlichen Debatte nur ganz am Rand thematisiert. Es ist wie seit Jahren: Den Schwarzen Peter haben immer nur die anderen.

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