Kommentiert: Wen kümmert das?

Kommentiert: Wen kümmert das?

Was kümmert Sie bloß der Fall Jalloh? Provozierend stellt ein Facebook-Nutzer diese Frage den Rechercheuren des ARD-Magazins „Monitor“. Es steckt mehr dahinter als die übliche fremdenfeindliche Hetze, wie sie im Internet alltäglich geworden ist.

Denn die Frage offenbart eine Haltung, die anscheindend sogar in weiten Teilen der sachsen-anhaltinischen Politik und Justiz verbreitet ist, wenn nicht sogar darüber hinaus. Was kümmert uns schon der Tod eines Asylbewerbers vor mittlerweile mehr als zwölf Jahren? Sehr viel!

Denn dieser Mensch, der in Deutschland Schutz suchte, wurde womöglich von Polizeibeamten umgebracht. Es ist ein ungeheuerlicher Verdacht, den die Familie des Toten sowie Menschenrechtler schon sehr früh geäußert haben. Denn er rührt an die Grundfesten dieses Rechtsstaats.

Nun bestätigt eine „Monitor“-Recherche, dass die Staatsanwaltschaft Dessau diesen Verdacht inzwischen teilt. Mehr noch: In den Akten werden offenbar ganz konkret tatverdächtige Polizisten benannt. Jalloh soll den Akten zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit vor dem Brand bereits tot oder zumindest handlungsunfähig gewesen sein.

Ein eiskalter Mord zur Vertuschung einer anderen Straftat? Der leitende Oberstaatsanwalt Folker Bittmann äußert explizit diesen schrecklichen Verdacht.

Damit ist klar: Dieser Fall hat endgültig das Zeug zu einem Skandal, der das Land ähnlich erschüttern könnte wie die NSU-Mordserie. Denn trotz dieser bedrückenden Aktenlage tat sich bislang: nichts!

Vielsagend ist vor allem das von den Journalisten beschriebene Hin und Her zwischen den beteiligten Ermittlern und Staatsanwälten. Da wird plötzlich der Generalbundesanwalt hinzuberufen, der den Fall jedoch wieder nach Sachsen-Anhalt abgibt. Statt der Staatsanwaltschaft Dessau sind allerdings nun die Kollegen in Halle federführend. Ein Misstrauensvotum von höchster Stelle? Wie auch immer: Trotz der von Bittmann zusammengetragenen Fakten will die Staatsanwaltschaft Halle den Fall nicht weiter verfolgen.

Werden Mörder gedeckt?

Das versteht längst niemand mehr. Es entsteht das fatale Bild einer rassistisch agierenden Justiz, die vertuschen und verharmlosen will, um Mörder aus den eigenen Reihen zu decken. Für den Rechtsstaat Deutschland ist das eine Katastrophe. Deshalb muss der Fall endlich von unabhängigen Sonderermittlern neu aufgerollt werden. Selbst, wenn eine Beweisführung nach so langer Zeit fast aussichtslos erscheint: Dies ist der Staat dem Toten, seinen Angehörigen und auch der eigenen Justiz schuldig.

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