Kommentiert: Unverantwortlich

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Die maroden Kernkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 dürfen wieder ans Netz gehen — und zwar kurzfristig, noch in diesem Jahr.

Die Entscheidung der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie ist trotzdem nicht nachvollziehbar und letztlich unverantwortlich.

Die FANC begründet ihren Schritt mit wissenschaftlichen Untersuchungen durch unabhängige Experten. Demnach haben die 3149 Risse im Druckbehälter des Reaktors in Tihange und die 13047 Risse im Reaktor in Doel keinen Einfluss auf die Sicherheit der Anlagen.

Wie die Experten zu diesem Ergebnis kommen, bleibt schleierhaft. Andere unabhängige Wissenschaftler — wie etwa die renommierte Materialforscherin Ilse Tweer — sind in der Vergangenheit nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik zu einem genau gegenteiligen Ergebnis gekommen.

Weder die FANC noch der Betreiber Electrabel können zweifelsfrei nachweisen, dass die Reaktoren sicher sind. Im besten Fall steht Aussage gegen Aussage. Um Klarheit über den Zustand des Materials zu schaffen, müsste man die Druckbehälter wohl aufschneiden und damit zerstören, was unmöglich ist, wenn man sie weiter benutzen möchte. Das bedeutet: Es kann gar keine Sicherheit geben. Dann aber müssten die Reaktoren für immer stillgelegt werden.

Die FANC nimmt das Risiko eines größeren atomaren Unfalls, um nicht von einem GAU zu sprechen, also bei vollem Bewusstsein in Kauf. Und sie erfährt offensichtlich weder Druck durch die Politik noch durch die Öffentlichkeit.

In Belgien hat eine Regenbogenkoalition 2003 einen Atomausstieg bis zum Jahr 2015 beschlossen, mit einer maximalen Betriebsdauer von 40 Jahren pro Reaktor. Passiert ist ... nichts. Denn der Ausstieg aus der Kernenergie war für die belgische Politik mit Ausnahme der Grünen nie eine Herzensangelegenheit; vielleicht ganz ähnlich wie in Deutschland.

Kein gesellschaftlicher Druck

Die Grünen sind in Belgien eine relativ schwache Oppositionspartei. Anders als hierzulande fehlt dort zudem ein gewisser zivilgesellschaftlicher Druck, eine Öffentlichkeit, die das Thema begleitet und immer wieder auf die Tagesordnung hebt. Und ein wahrnehmbar wachsender Wirtschaftszweig sind die erneuerbaren Energien in Belgien im Gegensatz zu Deutschland auch nicht.

Obwohl Belgien mit seiner Küste gute Voraussetzungen für erneuerbare Energien hat (Wind, Gezeiten), wurde zehn Jahre die Möglichkeit vertan, um einen notwendigen Atomausstieg in die Wege zu leiten. Stattdessen findet seit Jahren immer pünktlich zum Winter eine Blackout-Panikmache statt, die letztlich nur als Rechtfertigung dafür dient, die belgischen Meiler trotz ihres inzwischen biblischen Alters und maroden Zustands weiter am Netz zu lassen. So wird mit der Sicherheit von Millionen von Menschen in Westeuropa gespielt.

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