Kommentiert: Sprechen ist Silber, Tippen ist Gold

Kommentiert: Sprechen ist Silber, Tippen ist Gold

Tippen ist out. Heutzutage verschickt man Sprachnachrichten. Oft minutenlang, manchmal in aufgebrachtem Tonfall, manchmal einen entspannten Bericht vom eigenen Tag.

Es sieht zwar komisch aus, das Smartphone waagerecht vor den eigenen Mund zu halten und in das Mikrofron zu sprechen. Oder es beim Abhören der Nachrichten mitunter ans Ohr zu pressen, die Stirn dabei konzentriert in Falten gelegt. Es ist aber eigentlich längst nicht mehr seltsam.

Denn Sprachnachrichten haben generationsübergreifend Schule gemacht. Gleichzeitig büßt die geschriebene Nachricht an Faszination ein. War es damals bei der Einführung des Mammut-Messengers WhatsApp noch eine kleine Sensation, dass man unbegrenzt und kostenlos schreiben konnte, statt eine SMS-Nachricht in 160 Zeichen zu quetschen und für 20 Cent zu versenden, ist das Tippen vielen inzwischen lästig geworden.

Bequem sei es, sagen sie. Wenn man zum Beispiel im Bus steht, die Hände voll hat und eine Nachricht abhören will. Ob der halbe Bus die Nachricht wohl auch hören möchte? Das spielt wohl keine Rolle.

Und wer freut sich schließlich nicht, wenn er seine App öffnet und eine dreiminütige Sprachnachricht im Chat findet? Besonders praktisch sind diese Endlos-Monologe im Wartezimmer oder auf einem Termin. Antwortet man dann mit „Sorry, kann deine Nachricht gerade nicht anhören, ist es dringend?“, kommt als Antwort darauf wiederum nicht selten eine neue Sprachnachricht...

Verlernen wir also gar das Schreiben? Vielleicht, aber angesichts der fehlenden Punkte und Kommata und Autokorrekt-Fehler bei so vielen getippten Nachrichten kann man wenigstens dafür kaum die Sprachnachrichten verantwortlich machen.

Zum Schluss noch eine verrückte Idee: Wenn das Handy für die Sprachnachricht sowieso schon wahlweise an Mund oder Ohr ist — warum nicht einfach das Gegenüber kurz anrufen? Und wenn derjenige gerade nicht telefonieren kann, kann er ziemlich sicher die Sprachnachricht ebenfalls nicht abhören. Kommt also auf dasselbe raus, ist aber viel persönlicher. Und sieht auch nicht so komisch aus.

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