Kommentiert: So und nicht anders!

Kommentiert: So und nicht anders!

Es passiert eher selten, dass ein Redner derart mitreißend spricht, dass man in diesem Moment alles andere ausblenden kann und der festen Überzeugung ist: So und nicht anders muss es laufen! Emmanuel Macron ist dieses Kunststück am Donnerstag in Aachen gelungen.

Packender und nachdrücklicher hat in den vergangenen Jahren kein anderer Redner die Probleme unserer Zeit benannt und Lösungen eingefordert. Das war allerdings nicht für alle Beteiligten schmeichelhaft: Der direkte Vergleich mit der Bundeskanzlerin fiel für diese geradezu verheerend aus.

Sicher: Der Karlspreis ist kein Wettstreit für Redner. Und dass Angela Merkel in aller Regel kein rhetorisches Feuerwerk zündet, ist hinlänglich bekannt. Aber wer schon feststellt, dass Europa „sehr konkrete Antworten“ braucht, der darf dann nicht mit den üblichen Allgemeinplätzen langweilen.

Die Zurückhaltung der Kanzlerin ist freilich erklärbar: In Merkels eigener Partei gibt es große Vorbehalte gegen den forschen Franzosen mit dem großen Pathos. Am Ende könnten dessen Visionen Deutschland teuer zu stehen kommen, unken viele.

Und wenn schon!

Dem sollte man entgegenhalten: Und wenn schon! Deutschland profitiert in vielfältiger Form von der Europäischen Union — nicht zuletzt auch finanziell. Daher ist es durchaus gerechtfertigt, wenn wir einen entsprechenden Beitrag leisten. Wie sagte es Macron so schön: Europa, dieser Schatz, dieses so erfolgreiche Friedensprojekt, ist unbezahlbar!

Viel ist zuletzt darüber geschrieben worden, dass der französische Präsident der Bundeskanzlerin auf internationalem Parkett inzwischen den Rang abgelaufen habe. Tatsächlich wirkt Merkel im direkten Vergleich der beiden müde und undynamisch. Ihre große Koalition vermag hierzulande bislang kein Gefühl von Aufbruchstimmung zu verbreiten, was nicht zuletzt auch an der Regierungschefin selbst liegt.

„Lord Voldemort“ aus Washington

Warum bezieht Merkel keine Position? Und wenn, dann nur so vorsichtig, dass es keinem wehtut? Ihr Umgang mit dem Iran-Konflikt glich am Donnerstag erneut einem Eiertanz. Der Name Donald Trump fiel kein einziges Mal. Das Publikum im Krönungssaal fühlte sich beinahe an Harry Potters „Lord Voldemort“ erinnert — nur dass Trump in diesem Fall der „Du-weißt-schon-wer“ ist, dessen Name nicht genannt werden darf. Warum nicht? Der Mann versteht nur Klartext, sonst nichts. Das Lavieren der Europäer interpretiert er als Zeichen der Schwäche — womit er allerdings gar nicht so falsch liegen dürfte.

Letztlich braucht Europa mehr Macron und weniger Merkel. Das heißt nicht, dass bei dem Franzosen alles Gold wäre, was glänzt. Seine Sozialpolitik ist dazu geeignet, die Gesellschaft zu spalten — nach deutschem Vorbild wohlgemerkt. Andererseits hat auch Merkel hat ihre Verdienste — nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise. Doch wer Menschen für Europa begeistern will, darf und muss auch mal pathetisch werden, und laut, und unsachlich, und herzlich.

Der sollte so schöne Sätze sagen wie: „Ich glaube an die Kraft der Wahrheit, an Kultur, an die Liebe zum Guten und Schönen.“ Hoffentlich ist dies nicht zu schön, um wahr zu sein.

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