Kommentiert: Nur die Quote zählt

Kommentiert: Nur die Quote zählt

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist ein mitunter schwer zu verstehendes Phänomen. Seinen Kunden nötigt er einen monatlichen Zwangsbeitrag von 17,98 Euro ab, weshalb er sich in einem Dilemma wähnt: Einerseits müht man sich in den Rundfunkanstalten nicht erkennbar um die Kundschaft; denn die hat ohnehin keine Wahl und in den alles beherrschenden Räten nichts zu sagen.

Andererseits leben die Fernsehmacher von ARD und ZDF in steter, schon fast panisch wirkender Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust, der mit einer sinkenden Quote einhergehen könnte.

So kauern die Programmverantwortlichen vor ihrem Publikum wie die Kaninchen vor der Schlange: klein, mutlos und unfähig, sich zu bewegen. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisiert diesen Zustand schon seit Jahren und wird in seiner Wortwahl immer schärfer: Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der nur noch auf die Quote schielt, stellt sich früher oder später selbst infrage. So formulierte es der CDU-Politiker zuletzt am Wochenende.

Es wäre schön, Lammert fände mit seiner Kritik endlich Gehör. Denn wenn eine viertklassige Show mit Kai Pflaume in der vergangenen Woche Vorrang vor einem aktuellen Brennpunkt zur Überwachung des Merkel-Handys bekommt, dann verwirkt dieses teure System in letzter Konsequenz seine Privilegien. Es erklärt seine Zuschauer für dämlich.

Perlen im Verborgenen

Es habe, so rechtfertigte sich der ARD-Programmdirektor, „kaum weitere filmische Erkenntnisse“ für eine Sondersendung gegeben. Liegt das vielleicht auch daran, dass die Rundfunkanstalten in den vergangenen Jahren massiv Budgets für investigativen und anspruchsvollen Journalismus zusammengestrichen haben? Daran, dass selbst Nachrichtenkanäle wie „tagesschau 24“ weitgehend mit Material aus der Konserve gefüllt werden?

Klar ist: Im öffentlich-rechtlichen TV-Kosmos finden sich noch immer viele gute, oft brillante Produktionen. Man muss sie nur finden. Denn im Hauptprogramm, zumal in der Primetime, kommen diese Inhalte nicht vor. Sie werden schamhaft versteckt im Nachtprogramm, auf Arte, in den digitalen Spartenkanälen oder den Dritten.

Dieses System bringt bisweilen großartige Nachwuchskräfte hervor, die man anschließend am langen Arm verhungern lässt; weil TV-Manager zur besten Sendezeit lieber auf bewährte Kräfte setzen, die man der privaten Konkurrenz abgekauft hat, um Formate zu präsentieren, die sich bei den Privaten bewährt haben. Nicht weil sie gut wären, sondern weil sie Quote bringen. Weil nichts anderes mehr zählt.

Die Masse wird abgehängt

So forcieren ARD und ZDF am Ende die gesellschaftliche Spaltung in eine Info-Elite, die im medialen Chaos den Durchblick behält, interessante Sendungen herausfiltern und digital aufzeichnen kann; und in eine große Masse von Zuschauern, die lediglich das konsumiert, was ihr vorgesetzt wird — unter anderem auch deshalb, weil die technischen und finanziellen Hürden zu hoch sind.

Was nützt etwa die — in der Tat sehr gute — Mediathek von Arte, wenn viele deutsche Haushalte technisch noch immer nicht in der Lage sind, die Inhalte über Hochgeschwindigkeits-Internet zu empfangen?

Lammert hat Recht: Die Öffentlich-Rechtlichen verspielen in diesen Tagen ihre Daseinsberechtigung. Allerdings macht es keinen Sinn, wenn Politiker nur in Sonntagsreden und bei Preisverleihungen das Hohe Lied vom Niveau und dem guten Journalismus singen. Sie müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Hier liegt das eigentliche Pro­blem: Es gibt derzeit niemanden, der eine bitter nötige Reform des öffentlich-rechtlichen Systems vorantreiben würde. Denn dann müsste man nicht nur über die Quoten, über Werbefreiheit oder über den Sinn unzähliger, teurer Regional- und Spartensender reden — sondern auch über den unseligen Einfluss von Parteipolitikern in den Gremien von ARD und ZDF. Und spätestens dann schweigen die großen Reformer.

Mehr von Aachener Nachrichten