Kommentiert: Gierige Chefs

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Drei Jahre Haft für den feinen Herrn Middelhoff: Dieses Urteil überrascht in seiner Deutlichkeit. Es dürfte in den Chefetagen deutscher Konzerne ebenso heiß diskutiert werden wie an den Stammtischen der Republik.

Die entscheidende Frage lautet nämlich: Wie viele Middelhoffs gibt es noch in der deutschen Wirtschaft? Sind die Extravaganzen des ehemaligen Arcandor-Chefs wirklich so beispiellos? Eine andere Frage sollte man dabei aber nicht vergessen : Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Middelhoff? Einer, der sich für unersetzbar und furchtbar wichtig hält, wenn man ihm erst einmal freie Fahrt lässt?

Kein Unrechtsbewusstsein

Fakt ist: Thomas Middelhoff zeigte bis zuletzt keinerlei Unrechtsbewusstsein. Das unerwartet harte Urteil ist auch diesem Umstand geschuldet. Bodenhaftung war für den Topmanager selbst auf der Anklagebank ein Fremdwort. Für ihn war es schlicht normal, nicht mehr den Linienflieger zu nutzen, sondern seinem Arbeitgeber sündhaft teure Charterflüge in Rechnung zu stellen. Es war normal, nicht mit dem gewöhnlichen Pöbel im Stau zu stehen, sondern per Hubschrauber zu wichtigen Terminen zu fliegen. Weil ein Konzernlenker einfach zu bedeutsam ist, um im Stau zu stehen.

Man kann Middelhoff getrost abnehmen, dass er dies wirklich glaubte und noch immer glaubt. In der Riege stolzer deutscher Vorstandschefs wird er mit dieser Einstellung sicher nicht alleine stehen. Middellhoffs Pech: Sein Konzern ging Pleite. Tatsächlich hätte es ohne die Insolvenz von Arcandor dieses Verfahren wohl nicht gegeben. Darauf wies am Freitag der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt in der Urteilsbegründung hin. Letztlich sei der Prozess erst durch die „Erbsenzählerei des Insolvenzverwalters“ zustande gekommen.

Man könnte es auch so formulieren: Ohne Arcandor-Pleite hätte sich niemand im Konzern an Middelhoffs Extravaganzen gestört. Zufriedene Anteilseigner scheren sich nicht um derlei Peanuts. Das war Middelhoffs Denke. Er hat sich schließlich nur genommen, was man ihm bereitwillig hinterhergeworfen hat. Das Gericht ist dieser Einschätzung nicht gefolgt, was wohl der juristische Knackpunkt des Verfahrens überhaupt ist, sondern attestiert dem Manager in seinem Urteil durchaus kriminelle Energie.

Tatsächlich findet man eine vergleichbare Rücksichtslosigkeit und Gier überall im Wirtschafts- und Arbeitsleben, im Kleinen wie im Großen. Weil Macht verführt; weil es durchaus menschlich ist, abzuheben und gierig zu sein. Um so wichtiger muss es für Führungskräfte sein, sich täglich neu zu erden. Der tiefe Fall von Thomas Middelhoff sollte allen eine Warnung sein, die meinen, sie stünden aufgrund ihrer Wichtigkeit über dem Gesetz.

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