Kommentiert: Garton Ash kann neue Impulse geben

Kommentiert: Garton Ash kann neue Impulse geben

Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern. Mit diesem Zitat des französischen Schriftstellers André Malraux machen Historiker gerne Werbung für ihren Berufsstand.

Tatsächlich lohnt es sich in diesen Tagen, der Geschichtswissenschaft Gehör zu schenken.

Die aktuellen Nachrichten machen vielen Menschen mittlerweile gehörig Angst. Die politische Mitte läuft Gefahr, sich von Populisten und Europafeinden treiben zu lassen. Die Menschen in Europa suchen nach Antworten, nach Erklärungen, auch nach Hoffnung. Gut, dass der Karlspreis in dieser Situation die Aufmerksamkeit auf einen Mann lenkt, der nicht nur Politik brillant zu analysieren weiß, sondern auch immer einen Schritt weiter denkt: Timothy Garton Ash.

Denn der Brite ist so jemand, der Antworten geben kann; eben weil der den Blick gleichermaßen in die Vergangenheit wie in die Zukunft richtet. Weil er frei ist von politischen Eitelkeiten und politischen Zwängen. Weil er ein überzeugter und ein überzeugender Europäer ist. Weil er weiß, was für uns alles auf dem Spiel steht.

Dieses Wissen scheint einer neuen Generation von Politikern gänzlich abhanden gekommen zu sein. Populisten, die mit Ressentiments spielen, diese schüren und davon letztlich leben. Tatsächlich bedroht der unheimliche Erfolg der Nationalisten inzwischen das gesamte Projekt Europa. Kaum auszudenken, was passieren wird, sollten sich die Rechtspopulisten in diesem Jahr auch bei der Wahl in Frankreich durchsetzen!

Zynisch formuliert: Dem Karlspreis gehen langsam aber sicher die potenziellen Kandidaten aus. Wen aus der Riege europäischer Staatsmänner und -frauen mag man sich im Krönungssaal noch vorstellen? Viele Namen fallen einem mittlerweile nicht mehr ein.

Garton Ash ist dennoch mehr als eine Verlegenheitslösung. Seine Wahl bietet die Chance, dass sich der Preis diesmal voll und ganz auf Inhalte konzentriert. Und auf die Frage: Welche Chance hat die „Idee Europa“ noch in einer Welt von „Fake News“ und Hass?

Mehr von Aachener Nachrichten