Kommentiert: Eine Gefahr für alle

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Der Bericht der Expertengruppe zum Betrieb des AVR-Versuchsreaktors in Jülich in den Jahren 1967 bis 1988 ist bestürzend.

Da ist die Rede von massiven Problemen, beispielsweise von dauerhaften „Temperaturüberhöhungen“ im Reaktorkern, die zunächst nicht erkannt und denen dann nicht in der gebotenen Weise nachgegangen worden ist. Der Dampferzeugerstörfall aus dem Jahr 1978 bekommt gleich ein eigenes Kapitel. Offensichtlich war die Technik des Kugelhaufen-Reaktors viel weniger ausgereift, als es deren Verfechter über Jahrzehnte hinweg glauben machen wollten.

Das alleine reicht als Erklärung nicht aus. Was den Befund der Expertengruppe so bestürzend macht, ist die menschliche Komponente. Den Vertretern des Kugelhaufen-Konzepts werden „Verhaltensweisen“ attestiert, „die einerseits ein ausgeprägtes Überlegenheitsgefühl aufwiesen, die andererseits aber auch eine unzureichende Fähigkeit zur Selbstkritik und eine Unterschätzung der Schwachstellen beim Kugelhaufen-Konzept und bei konkreten Anlagen erkennen ließen“. Ein vernichtendes Urteil.

Die Betreiber der Anlage — und die beteiligten Forscher der damaligen Kernforschungsanlage Jülich (heute Forschungszentrum) sowie der RWTH Aachen — haben Gefahren für Menschen und Umwelt in unverantwortlicher Weise bewusst in Kauf genommen. Ein solches Verhalten ist in höchstem Maße beängstigend. Ethik und Moral sind in einer Art und Weise mit Füßen getreten worden, dass es auch mit der Freiheit der Forschung nicht zu rechtfertigen ist. Im Gegenteil: Das Beispiel AVR-Reaktor zeigt ganz deutlich, dass auch diese Freiheit Grenzen haben muss.

Es ist ehrenwert, dass das Forschungszentrum Jülich den Bericht in Auftrag gegeben hat. Aber es hat sich dieser dunklen Seite seiner Geschichte viel zu spät und nur aufgrund massiven öffentlichen Drucks gestellt — erst 25 Jahre nach dem Aus des AVR-Versuchsreaktors. Abgeschlossen ist die Aufarbeitung damit aber bei weitem nicht. In dem Bericht wird etwa die Rolle der Aufsichtsbehörden, also der einschlägigen Ministerien in Düsseldorf und — damals noch — Bonn nur angedeutet. Welche Vorgänge waren den Behörden wann bekannt? Warum sind sie nicht härter gegen die Machenschaften vorgegangen? Haben sie durch ihre Art des Umgangs mit den Vorgängen in Jülich diese gar gebilligt?

Und dann gibt es natürlich auch noch eine politische Seite. Die weitere Entwicklung der Kugelhaufen-Technik wurde trotz der bekannten Misserfolge noch bis in die jüngste Vergangenheit als ernsthafte energie- und wirtschaftspolitische Option propagiert. Gab es politischen Druck, die Probleme mit dem AVR-Reaktor herunterzuspielen und geheim zu halten? All diese Fragen könnten mit Sicherheit angemessen in einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags aufgearbeitet werden. Es darf allerdings arg bezweifelt werden, dass der politische Wille zu einem solchen Ausschuss vorhanden ist. Zumal nicht nur die notorischen Kernenergie-Befürworter in Reihen von CDU und FDP im Fokus stünden, sondern vor allem auch die SPD, die während der gesamten Betriebszeit des AVR regiert hat, noch lange danach und heute wieder.

Die Forschung an der Kugelhaufen-Technik in Jülich und Aachen ist übrigens längst nicht beendet. Am Lehrstuhl für Reaktorsicherheit der RWTH Aachen beschäftigen sich immer noch Promotionsstudenten damit, auch in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Jülich. Nach dem Atomausstieg und der völligen Neuausrichtung der deutschen Energiepolitik in den vergangenen Jahren ist das grotesk; im Lichte des Expertenberichts ist es völlig unhaltbar. Auch die RWTH täte gut daran, die Kernforschung an ihren Instituten kritisch zu thematisieren — und zwar nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit.

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