Kommentiert: Die Debatte fehlt

Kommentiert: Die Debatte fehlt

Seit nunmehr vier Wochen berichten Millionen Frauen unter dem Hashtag #MeToo über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Manch einer spricht schon von einer gesellschaftsverändernden Debatte. Wer das glaubt, ist naiv.

Die jetzige Diskussion wird vor allem im Netz geführt, in einem geschlossenen Raum. Das gab es schon einmal. Aber erinnert sich noch jemand wirklich an den Hashtag #aufschrei? Erst jetzt im Zuge des Falls Weinstein wird das Skandälchen um die anzüglichen Bemerkungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer Reporterin wieder präsent. Geändert hat sich seit 2013 nicht viel.

Außerdem ist auch diesmal äußerst fraglich, ob jetzt wirklich eine überfällige Debatte geführt wird oder ob nicht ausschließlich Frauen und diese auch nur ausschließlich im Netz ihre Erlebnisse offenbaren. Welche Frau könnte nach dem gängigen Mechanismus nicht auch in den Betroffenheitschor einstimmen und in „Ich-Form“ bekennen, dass sie ebenfalls schon ungefragt und ungewollt angefasst wurde? Laut einer aktuellen Studie haben 50Prozent der Frauen in Deutschland schon sexuelle Belästigung erfahren, etliche Frauen können solche Erlebnisse schildern: Von Vergewaltigungen ist die Rede, aber eben auch von ungeschickten Flirtversuchen. Vergewaltigungen kann man nicht kommentieren. Es handelt sich dabei ganz klar um Straftaten. Keine Diskussion! Aber es wird wohl niemand fordern, einen sexistischen Macho-Spruch unter Strafe zu stellen. Und darin besteht das nächste Problem: Was will die MeToo-Welle überhaupt bewirken?

Ja, es ist unstrittig, dass die jetzt öffentlich gemachten Bekenntnisse zu mehr Aufmerksamkeit für das Thema sexuelle Belästigung geführt haben. Gut so! Aber die Diskussion verläuft zu flach und dringt nicht bis zum Kern des Problems. Denn da geht es um Machtgefälle und um Abhängigkeitsverhältnisse. Das wird zwar angedeutet, aber nicht ausführlich genug diskutiert. Das mag daran liegen, dass diese Diskussion irgendwie auch sehr kompliziert ist. Oder aber daran, dass diejenigen, die Macht besitzen, ihre liebgewonnene Macht nicht abgeben wollen. Hinzu kommt, dass viele Männer verunsichert sind, was nun erlaubt ist.

Vielleicht ist dann doch der Hashtag, der in Zusammenhang mit Donald Trumps Verhalten gegenüber Frauen genutzt wurde, hilfreicher. #notokay — also: nicht okay — sollte wiederbelebt werden. Und damit eine wirkliche Debatte über das zwischenmenschliche Miteinander. Eine Kollegin der „Neuen Züricher Zeitung“ hat für sich schon eine Liste gemacht: Er findet ihre Schuhe sexy, die sie im Meeting trug, und sagt ihr das danach. #okay. Er streift wie zufällig ihren nackten Arm. #nichtokay. Oder doch? Über die Bewertung lässt sich sicher streiten. Grenzen unterscheiden sich. Diese Debatte über die Diskrepanzen in der Interpretation von Zeichen zwischen Männern und Frauen im Umgang miteinander sollten wir führen — gern im Netz, aber vor allem im wahren Leben. In Frankreich hat es #MeToo vom Internet auf die Straße geschafft. Vielleicht ist das ein Anfang.

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