Kommentiert: Deutschland könnte Zeichen gegen Tihange setzen

Kommentiert: Deutschland könnte Zeichen gegen Tihange setzen

Ob Tihange abgeschaltet werden soll oder nicht, ist eine Art Glaubensfrage geworden.

So sehr Atomkraftgegner gegen die „Riss-Reaktoren“ und mitunter sogar gegen den kompletten Betrieb der Kernkraftwerke demonstrieren: Sie werden ihr Ziel nicht erreichen. Aufmerksamkeit aber ist ihnen gewiss. Mit jedem neuen Störfall, mit jeder neuen Studie, mit jeder neuen Expertise werden die Rufe nach einem Abschalten der umstrittenen belgischen Atommeiler lauter.

Es geht am Ende nicht unbedingt mehr darum, wie sicher oder unsicher ein Atommeiler ist, sondern, ob die Menschen glauben, dass er sicher ist. Was Tihange und Doel angeht, haben viele Menschen in dieser Region klar entschieden: Sie glauben den belgischen und internationalen Experten nicht, dass die „Riss-Reaktoren“ unbedenklich sind.

Sehr kompliziert

Die neuen Erkenntnisse über Precorsur-Ereignisse in Tihange 1 verstärken die Furcht vor den belgischen Meilern. Ob jeder versteht, dass es sich bei diesen Analysen um Wahrscheinlichkeitsberechnungen handelt und nicht um tatsächliche Ereignisse, ist fraglich.

Zugegebenermaßen ist die Materie hoch kompliziert. Und auch dass Experten betonen, dass allein die Quantität solcher Ereignisse nichts aussagt, will sicher nicht jeder hören. Bei all den Zweifeln bezüglich der Gefahr, die von Tihange 2 ausgeht, lässt sich mit Sicherheit nur sagen, dass man im Zweifel — und davon gibt es reichlich — die Meiler lieber abschalten sollte. Aber Belgien sieht diese Zweifel nicht und wird diesen Forderungen auch nicht nachkommen.

Die belgische Regierung und die Experten sind auch von den neuerlichen Erkenntnissen kaum beeindruckt — geschweige denn besorgt. Von einer früheren Abschaltung der „Riss-Reaktoren“ oder des alten Meilers Tihange 1 können die Menschen in der Region nur träumen.

Immerhin: Angeblich soll die Mehrheitspartei NVA einlenken und nicht mehr zwingend auf einen Ausstieg aus dem beschlossenen Atomausstieg drängen. Derzeit ringen die vier zuständigen belgischen Energieminister um einen neuen Energiepakt. Dass Belgien bis 2025 alle Meiler vom Netz nimmt, wird ein wenig wahrscheinlicher — obwohl es die Sorge vor einem Blackout und Bedenken seitens der Wirtschaft gibt. Mehr kann Deutschland realistischerweise nicht erwarten.

Scheinheilig

Deutschland kann aber mehr machen. Es wäre schon einmal hilfreich, wenn die Kanzlerin das Wort Tihange mal in den Mund nehmen würde. Von Angela Merkel war aber noch keine Kritik zu hören. Dabei hätte ihr Wort mehr Gewicht als nur das der Bundesumweltministerin.

Und auch dass das Ministerium stets betont, die Sorgen der Menschen insbesondere in Grenznähe ernstzunehmen, reicht nicht. Selbst wenn es nur symbolisch wäre, hätte der Bund sich längst von seiner Beteiligung an Engie trennen müssen. Die Anteile über einen Pensionsfonds will das Innenministerium aber bislang nicht abstoßen. Das ist mehr als scheinheilig.

Schon etwas mehr Strahlkraft hätte die Einstellung der Brennelementelieferungen an belgische Atomkraftwerke aus Deutschland. Noch immer werden unter anderem aus Gronau regelmäßig Brennelemente nach Tihange geliefert. Gutachten besagen aber, dass Deutschland zu diesen Lieferungen nicht verpflichtet ist. Wo bleibt der Wille, mehr zu tun, als immer nur zu betonen, dass man für die Energiepolitik in Belgien eben nicht zuständig sei? Mehr Mut, bitte!

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