Kommentiert: Der freie Wille zählt

Kommentiert: Der freie Wille zählt

Muss ich meine Eltern im Alter pflegen? Das ist eine Frage, die sich der ein oder andere — auch angesichts der Altersstruktur in Deutschland — schon mal gestellt haben mag.

Mit fortschreitendem Alter und zunehmender Hilfsbedürftigkeit der Eltern sehen sich viele irgendwann unweigerlich vor der Entscheidung: Altenheim oder häusliche Pflege.

Nicht wenigen scheint der Gedanke, die eigenen Eltern ins Altenheim „abzuschieben“, moralisch verwerflich. Außerdem ist es eine Kostenfrage. Wenn die Rücklagen der Eltern nicht reichen, müssen direkte Angehörige für die Kosten aufkommen — auch, wenn sie jahrelang keinen Kontakt zu den Eltern hatten.

Selbst Pflegen? Unvorstellbar!

Es bleibt die Alternative: sich selbst kümmern. Das können sich viele — eingeschlossen Gesundheitsminister Jens Spahn — nicht vorstellen. Unterstützung beim Einkaufen und im Haushalt: ja. Pürierte Nahrung aus der Schnabeltasse anreichen und Windeln wechseln: nein. Spätestens da ist für die meisten der maximale Belastungsgrad erreicht. Denn ja, Angehörige zu pflegen, ist mitunter ein Vollzeitjob. Und zwar kein leichter. Das weiß jeder, der die häusliche Pflege eines nahen Familienmitglieds schon miterlebt hat.

Trotzdem bleibt die Gewissensfrage, ob wir Kinder unseren Eltern diesen Dienst nicht schuldig sind. Schließlich haben sie uns großgezogen und sich um uns gekümmert, als wir unsererseits noch hilfsbedürftig und schutzlos waren. Dieser Umstand darf die Antwort aber nicht beeinflussen: Wir sind nicht dazu verpflichtet, unsere Eltern zu pflegen. Kind zu sein, bringt keine Erbschuld mit sich, die es zu begleichen gilt.

Kein Recht auf Rückforderung

Die Eltern zu pflegen, ist vorbildlich. Es kann der Ausdruck einer liebevollen Beziehung sein, oder der Wunsch, etwas zurückzugeben. Aber es ist keine Pflicht, die aus dem bloßen Kindsein hervorgeht. Unsere Eltern haben kein pauschales Rückforderungsrecht auf das, was sie uns einst gegeben haben. Genau so wenig käme man schließlich auf die Idee, zurückzuzahlen, was die Eltern für uns ausgegeben haben, bis wir uns selbst versorgen konnten. Liebe und Fürsorge ist ein Dienst der Freiwilligkeit, nicht der Pflicht.

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