Kommentiert: Das seltsame Turnier

Kommentiert: Das seltsame Turnier

Gianni Infantino hat am Ende noch mal das wiederholt, was er schon vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland vorausgesagt hatte — natürlich: „Es war die beste WM aller Zeiten“, urteilt der Fifa-Präsident stolz.

Bei einigen findet er Zustimmung, bei den Gastgebern zum Beispiel, vor allem bei Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Oder auch den Franzosen, die den Titel gewonnen haben.

Von anderen gibt es Widerspruch, von einzelnen Trainern oder Spielern, besonders von Menschenrechtlern. Und das zeigt wieder einmal, dass es mindestens genauso schwierig ist, sportliche Großereignisse abschließend zu bewerten, wie den späteren Sieger vorherzusagen. Sicher ist nur: Es war eine seltsame Weltmeisterschaft.

Für den deutschen Fan war das Turnier in erster Linie seltsam, weil es für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) so beschämend verlaufen ist. Die Mannschaft von Trainer Joachim Löw ist in ihrer machbaren Gruppe verdient als Letzter ausgeschieden. Und als wäre das erste deutsche Vorrunden-Aus bei einer WM noch nicht genug, reihte der DFB danach Peinlichkeit an Peinlichkeit.

Erst konnte Löw selbst seinen Job retten, ohne detailliert erklären zu müssen, wie es zur desaströsen sportlichen Leistung kommen konnte, dann gaben Präsident Reinhard Grindel und Manager Oliver Bierhoff abstruse Interviews, in denen sie Mesut Özil zum Sündenbock machten. Es ist der vorläufige Tiefpunkt nach einem Turnier zum Vergessen, das auch wegen schwacher Testspiele, der unnötigen Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und der zumindest fragwürdigen Kadernominierung Löws von Beginn an unter keinem guten Stern gestanden hatte.

Das hatte ja eigentlich für die ganze WM gegolten; groß waren die Bedenken im Vorfeld des Turniers. Wegen der vielen Konflikte, in die Russland verstrickt ist, wegen der dort häufig nicht geachteten Menschenrechte, wegen der großen Angst vor erneuten Hooligan-Ausschreitungen und der berechtigten Furcht vor einer neuerlichen Dopingaffäre. Zudem gab es Zweifel an der Qualität der russischen Nationalmannschaft.

Nun kam es aber so, dass das Team von Trainer Stanislaw Tschertschessow einigermaßen sensationell ins Viertelfinale vorstieß, die Stimmung im Land prächtig war und die Russen mit ihrer Herzlichkeit Pluspunkt um Pluspunkt sammelten. Zudem verlief das Turnier offenbar friedlich. Erwartet hatten die Wenigsten, dass Russland in der Lage ist, ein solches Fest auszurichten. Es ist aber offenbar gelungen. Und doch ist das wohl nicht mehr als eine Momentaufnahme. Auch jetzt herrscht schließlich weiterhin die Meinung vor, dass dieses propagierte Bild der offenen Gesellschaft in Russland nicht dauerhaft bestehen bleibt.

Vage ist auch noch, was sportlich von diesem Turnier bleibt. Jeder konnte sehen, dass diese WM fußballerisch längst nicht das geboten hat, was der Fan von einem solchen Turnier erwartet. Es gab kaum Szenen zum Zungeschnalzen, es gab wenig ansehnlichen Fußball, dafür viel Leidenschaft und Pragmatismus; Mannschaften, die im Kollektiv und mit klarem Plan Fußball arbeiteten, hatten bei dieser WM die besseren Karten. Sie organisierten sich so strikt, dass für den schönen Teil des Fußballs kaum Platz blieb. Es ist zwar ebenso erlaubt wie effektiv, Räume zuzustellen und Kombinationen zu unterbinden. Was zur Folge hat, das kaum mehr Überraschendes auf dem Feld passiert. Der Spaß am Spiel, vor allem für den Teil der Zuschauer, der kein Faible für taktische Kniffe hat, bleibt auf der Strecke.

Fraglich ist auch, wie groß die Vorfreude auf die nächste WM in vier Jahren ist. Sie findet in Katar statt, die Vergabepraxis war ähnlich ominös, wie sie bereits beim Zuschlag für Russland war. Und das nächste Gastgeberland wird vor allem mit Blick auf Menschenrechte noch kritischer beurteilt als der Vorgänger. Der Videobeweis, der in Russland überraschend gut und damit viel besser als in der Bundesliga funktionierte, wird dann längst so fest zum Fußball gehören wie die zwei Tore an beiden Enden des Feldes. Gespielt wird 2022 übrigens im November und Dezember. Sicher ist wohl nur: Es wird auch eine seltsame Weltmeisterschaft.